Der Riesenbocksbeutel und die Verfassungssäule

Zwischen Volkach und Schweinfurt liegt der kleine Ort Stammheim. Nein, nicht das berühmte Gefängnis bei Stuttgart, statt suizidaler RAF-Terroristen gibt’s hier einen gigantischen Bocksbeutel im Weinberg und äußerst preiswerte Auslesen.

Der Ausblick auf Stammheim vom Bocksbeutel aus.

Der Ausblick auf Stammheim vom Bocksbeutel aus.

Auf dem Weg kommen wir an der Konstitutionssäule bei Gaibach vorbei. Eine 32 Meter hohe Säule mit einer Kugel drauf und einer Aussichtsplattform, die allerdings geschlossen war. 1818 erließ Max Joseph I. von Bayern eine Verfassung und beschränkte dadurch selbst seine Macht. Was für ein Akt, gerade heute, da weltweit rechts- und linkspopulistische Regierungen politische Kontrollinstanzen außer Kraft setzen. Graf Franz Erwein von Schönborn, der durch die Mediatisierung seine Macht verloren hatte, ließ die Säule aus diesem Grund in der Nähe seines Schlosses errichten. Der Entwurf der Säule kam von Leo von Klenze, Vorbild war die Trajanssäule in Rom. Grundsteinlegung 1821 mit Kronprinz Ludwig, Einweihung 1828 wieder mit Ludwig, da aber schon als König. Nach der Julirevolution in Frankreich wurden die alljährlichen Feierlichkeiten abgeschafft. 1968 feierte man dort wieder zum 150-jährigen Jubiläum der bayerischen Verfassung. 2018 könnte man sich da zum 200-jährigen Jubiläum versammeln. Wer ist dabei? Eine Inschrift ist „Der Verfassung Bayerns, ihrem Geber Max Joseph, ihrem Erhalter Ludwig zum Denkmale“ gewidmet. Das Schloss Gaibach ist mittlerweile Teil einer Schule und wird als Landschulheim genutzt.

Der Bocksbeutel mit dem Laubengang.

Der Bocksbeutel mit dem Laubengang.

Wir sind beim Weingut Scheller in Stammheim angekommen, auch wenn uns das Navi fast in die Irre geführt hätte. Wer hier eine besonders ausgefeilte Architektur sucht, der ist fehl am Platze. Den Winzer finden wir in einem ganz normalen Einfamilienhaus in einer Wohnsiedlung. Der Senior begrüßt uns jovial und führt ins in den Keller, der wie es scheint größer ist als das Haus, anscheinend gehört das Nachbarhaus auch noch dazu. Wir finden einen Raum mit einem langen Tisch, in dem auch Gruppen empfangen werden können. Ich habe kurz vorher meinen Kaugummi ausgespuckt, aber hab ich durch die Minze einen Fehlgeschmack im Mund? Die ersten Weine, die wir probieren, sind mir nämlich etwas zu säurehaltig. Der Rieslaner ist ganz nett, hat sogar eine Goldmedaille gewonnen. Der Kerner ist „nur“ Silber, passt aber auch. Was den Kerner angeht, da schimpft der Winzer sehr auf die Regierung. Denn die möchte diese Sorte weniger in den Weinbergen sehen. Freilich sei er aufwändiger in der Pflege, aber ein guter Wein. Was die Kernertraube angeht, gebe ich ihm voll Recht, Kerner kann echt feine Tropfen liefern. Sein Sohn hat mittlerweile das Weingut übernommen. Der war ursprünglich als Getränkeingenieur tätig, wollte aber dann doch lieber direkt an der Quelle sitzen. Stolz erzählt der Vater, dass das Weingut unter dem Junior nun aufwärts strebt. Wir probieren die Beerenauslese und legen die Ohrwaschel an, jau, das ist was wirklich leckeres. Und das für nur 15 Euro, da greif ich gerne zu!

Und in der Ferne grüßt das mittlerweile abgeschaltete AKW Grafenrheinfeld.

Und in der Ferne grüßt das mittlerweile abgeschaltete AKW Grafenrheinfeld.

Das Gestänge ist teilweise bewachsen, wenn es komplett grün wäre, würde es richtig gut aussehen. Aber da schiebt die Statik der Optik einen Riegel vor.

Das Gestänge ist teilweise bewachsen, wenn es komplett grün wäre, würde es richtig gut aussehen. Aber da schiebt die Statik der Optik einen Riegel vor.

Wir beenden die Weinprobe, wollen aber noch den Bocksbeutel sehen. Nicht irgendeinen im Weinkeller, sondern einen riesengroßen im Weinberg. Wir fahren dem alten Winzer durchs Dorf hinterher, dann biegen wir in einen befestigten Weg auf den Weinberg ein. Durch einen wein- und rosenumrankten Laubengang geht es zu Fuß noch etwas aufwärts, bis wir uns inmitten eines einige Meter hohen Stahlgerüsts in Form eines Bocksbeutels befinden. Einige Stangen sind teilweise mit Pflanzen umrankt, aber Scheller kann nicht den ganzen Bocksbeutel bewachsen lassen, das Gewicht wäre zu schwer. Innen drin befinden sich Tische und Bänke, der Winzer veranstaltet Weinproben, eine ganze Busladung findet hier Platz. Scheller betont immer wieder, wie er vieles selbst gemacht hat und den Fachleuten und Behörden gezeigt hat, wo es lang geht. Das Landratsamt hatte ihm zunächst verboten, auf der Spitze des Weinbergs zu bauen. Das würde das Panorama stören. Seine Antwort: „Aber das Atomkraftwerk Grafenrheinfeld [das man von hier aus sehen kann, Anm. d. Verf.] stört die Aussicht nicht?“ Dann baute er die Gigantoflasche doch einige Meter weiter nach unten, weil er hier direkt mit Auto und Bussen hinfahren kann. So ein richtiger Do it yourself Winzer mit verrückt klingenden Ideen, die aber die fränkische Weinlandschaft erst recht bereichern. Man denke nur an das Weingut Hirn. Die Lage grenzt an drei Landkreise, Schweinfurt, Kitzingen und Würzburg, hier ist man schon tief im Winzerland. Was er denn von der „Monstertrasse“ Südlink hält, die in Grafenrheinfeld enden soll? „Irgendwo muss der Strom ja her kommen.“ Ein Pragmatiker eben. Und wir verabschieden uns von diesem wunderbaren Fleckchen Erde, mit schöner Aussicht und der Erinnerung an die erste Verfassung Bayerns.