Der Rothe Ochse in Rothenfels

Der Rothe Ochse in Rothenfels zählt sicherlich zu den schönsten Weinstuben unseres Freistaates. Dabei liegt er ziemlich versteckt im Spessart, denn Rothenfels ist die kleinste Stadt Bayerns.

Der schönste Platz drinnen soll ja im Erker sein, etwas mulmig ist mir beim Anblick der Stützbalken schon...

Der schönste Platz drinnen soll ja im Erker sein, etwas mulmig ist mir beim Anblick der Stützbalken schon…

Die Anfahrt ist ziemlich krass, leider bin ich von Schweinfurt Richtung Arnstein abgefahren und über gewundene schmale Staatsstraßen durch die Wälder gekurvt. Dann noch einige Zeit am Main entlang aufwärts, bis ich fast in Marktheidenfeld eine Brücke finde und auf der anderen Seite wieder mainabwärts fahren darf. Wäre ich nur auf der Autobahn geblieben, von der A3 nimmt man die Abfahrt Marktheidenfeld und kurze Zeit später ist man da.

Obwohl der Ort so klein ist, brauche ich einige Zeit, bis ich einen Parkplatz gefunden habe. Rothenfels ist pittoresk, voller Fachwerk und verwinkelt. Wir werden der Stadt sicherlich noch einmal einen gesonderten Besuch abstatten, jetzt kümmern wir uns um die Weinstube.

Von außen sieht der Rothe Ochse schon recht eindrucksvoll aus. Ein wuchtiger Erker ragt auf zwei Stützbalken weit in die Straße rein. Hoffentlich halten die Balken das aus, wie alt die wohl sein mögen? Wenn man da im Erker sitzt und das kracht alles runter, huuuuu. Das ganze Haus selbst ist mir wunderbarem rotgefärbtem Fachwerk geschmückt.

Der ganze Ort ist schön anzuschauen, man sollte wohl im Sommer mal wiederkommen, und den Rest besichtigen.

Der ganze Ort ist schön anzuschauen, man sollte wohl im Sommer mal wiederkommen, und den Rest besichtigen.

Vor der Türe stehen zwei Leute mittleren Alters und rauchen. Sie schauen mich etwas befremdet an, als ich vorbei gehe und durch die Türe eintrete. Der Eingang ist ziemlich breit, in der Ecke steht ein langer geschwungener Stamm, das könnte eine uralte Weinrebe sein, Donnerwetter. Die Weinstube befindet sich aber weder links noch rechts, sondern über mir. Eine Wendeltreppe mit steinernem Handlauf führt nach oben. Dort ist wieder ein recht breiter Gang. Die Wirtin steht in der Tür zur Gaststube. „Gehören Sie zu den Heidenfeldern?“ „Nein, ich bin nur so da.“ „Nur so?“ „Nur so.“ „Nur so… Aha.“ Während des Dialogs bleibt sie in der geschlossenen Tür stehen. Erst nach dem sehr skeptischen Aha geht sie hinein, ich folge ihr.

Drinnen ist es ziemlich voll. Ich will nicht sagen, dass die meisten Gäste alt sind. Aber die Weinstube ist seit 1710 im Besitz derselben Wirtsfamilie, und ich glaube, die gleichen Gäste saßen damals auch schon da. Und wieder werde ich angeschaut wie ein absoluter Fremdkörper. Noooooja.

Im Eingangsbereich gibt's zum Glück nur wenige Dekoartikel.

Im Eingangsbereich gibt’s zum Glück nur wenige Dekoartikel.

An einem Tisch sitzen nur zwei ältere Herren. Ich frage, ob auf den übrigen Plätzen noch frei ist. „Wennst brav bist.“ Nein, ich werde nur die Einrichtung zerlegen. Ich höre ihnen etwas zu, sie reden über einsturzgefährdete, aber wohl denkmalgeschützte Bauten, die nach dem Willen der beiden abgerissen werden müssten, wobei die Stadt oder das Landratsamt da anderer Meinung seien.

Ich bestelle beim Wirt eine 0,1 l Scheurebe vom Juliusspital für 2,10 Euro. Die meisten Weine stammen vom Juliusspital. Kein Wunder, Dietrich Echter, der Bruder von Fürstbischof Julius, war Amtmann in Rothenfels. Von wann das Gebäude selbst stammt, ist unklar, eine Jahreszahl am Erker markiert das Jahr 1585.

Die Stube ist gar nicht mal so groß, drei längere Tische mit uralten Stühlen (im Buch „Genuss mit Geschichte“ werden sie in die Biedermeierzeit datiert), ein Tisch im Erker und der Tisch an dem ich sitze. Die Decke ist etwas schief, der Stuck mittlerweile ziemlich gräulich. An den Wänden stehen leere Bocksbeutelflaschen und unzählige Rehbockgeweihe. Die Wirte müssen dafür wohl den ganzen Spessart leer geschossen haben. Neben dem Ausschank und meinem Tisch steht ein uralter gusseiserner Ofen von 1676. Laut des gerade genannten Buches könnte der das „älteste original am Platz verbliebene Ausstellungsstück eines bayerischen Wirtshauses überhaupt“ sein. Auf dem Ofen ist ein Mann dargestellt, der in einem Baum feststeckt, durchbohrt mit drei Pfählen. „Absalom sein schmahlicher Tod“ steht darunter. Die alttestamentarische Geschichte wird im 2. Buch Samuel Kapitel 18 beschrieben. Absalom war der Sohn König Davids, der sich gegen seinen Vater erhoben hatte. Im Kampf verfing er sich beim Ritt auf seinem Maultier mit seinen Haaren in einer Eiche und blieb hängen. Ein Hauptmann spießte ihm drei Pfähle ins Herz und tötete ihn so. Was so ein Motiv wohl auf einem Ofen in Franken zu suchen hat? Ein Hinweis, nicht betrunken auf sein Pferd zu steigen? Juliusspital light – don’t drink and ride? Oder sich die Haare zu schneiden?

Die Wendeltreppe nach oben.

Die Wendeltreppe nach oben.

Die Scheurebe kommt bald. Sie ist normalerweise recht fruchtig, hier finde ich sie etwas mau und mineralisch. Dafür kommt sie aber in einem schönen Römergläschen.

Zum Essen gibt es Brotzeit– und Schinkenplatten und diverse andere kalte Gerichte. Ich bestelle mir den hausgemachten Kochkäse für 7,60 Euro. Der lässt auch nicht lange auf sich warten. Das Töpfchen schaut gar nicht mal so groß aus, ich denke mir, da kann ich ja später noch was anderes nachbestellen. Denkste. Denn das Töpfchen scheint bo-den-los zu sein. Ich habe sechs oder sieben größere Brotscheiben, und muss den Käse 1:1 zur Brotdicke aufstreichen, damit es sich ausgeht. Der Käse schmeckt etwa so wie Sahne-Streichkäse, aber leicht würziger, rauchiger. Kümmel ist auch drin, den schmeckt man aber nicht raus. Ja, kann man für den größten Hunger empfehlen. Es ist schon lange her, dass ich so mit einer Fülle an Essen kämpfen musste. Zum Glück gibt’s dazu zwei sehr gute Kirschtomaten, die etwas Frische mit reinbringen, und Zwiebelringe. Das Brot ist dunkel und schmeckt selbst leicht nach Zwiebel.

Kleines Töpfchen, große Wirkung.

Kleines Töpfchen, große Wirkung.

Als ich endlich fertig bin, bitte ich noch um eine kleine Cola für 2,20 Euro, irgendwie muss ich ja verdauen. Und für die Weiterfahrt wach bleiben.

Die Fenster hinter dem Erker sind mit Tuch verhüllt. Anscheinend zieht es durch die alten Fenster.

Die Fenster hinter dem Erker sind mit Tuch verhüllt. Anscheinend zieht’s. Aber die Menge der Gäste sorgt schon für Wärme.

Neben dem Ofen ist eine Wand eingezogen. Auf der Tür in der Wand steht „privat“. Dann aber kommen noch weitere Gäste und sie gehen durch eben diese Tür. Auf der anderen Seite ist anscheinend noch eine Wirtsstube. Durch den Spalt in der Tür sehe ich eine Szene, die mir so schön, so minimalistisch klar erscheint… Ich sehe nur einen Tisch. Darauf eine brennende Kerze, eine Flasche Wasser (überhaupt trinken hier alle ordentlich Wasser zum Wein), einen Bocksbeutel und alte Römergläser. Eine Hand, die von einer reiferen Lebensspanne zeugt, schenkt den Wein in die Gläser. Mehr sehe ich nicht. Aber dieser minimalistisch aufs wesentlich reduzierte Ausschnitt lässt die Phantasie spielen. Gemütlichkeit wegen des Ortes, an dem man ist. Gemeinschaft wegen der vielen Gläser. Miteinander wegen des Einschenkens. Gastlichkeit wegen des Tisches. Und natürlich ein einfacher Genuss durch den Wein und das Wasser. Die Kerze symbolisiert Licht und Wärme. Nur wenige Bilder können so aussagekräftig sein. Beeindruckend. Wirklich beeindruckend.

Die G-Gleichung in Bayern: Geweih = Gemütlichkeit. Eine n-te Anzahl von Geweihen bedeuten demnach auch eine x-fache Gemütlichkeit.

Die G-Gleichung in Bayern: Geweih = Gemütlichkeit. Eine n-te Anzahl von Geweihen bedeuten demnach auch eine x-fache Gemütlichkeit.

Der Wirt ist recht freundlich, als ich mit ihm über die Öffnungszeiten rede, nur Samstag und Sonntag Abend. Anscheinend bin ich nun nicht mehr so fremd. Draußen am Flur spricht mich die Wirtin noch einmal an. Woher ich denn komme. Dass hier gerade ein Geburtstag gefeiert werde usw. Wir reden über die Oberpfalz und de Weinstube, dann gibt sie mir noch ein paar Flyer mit.

Als ich draußen vor der Tür noch ein paar Bilder knipse, spricht mich wieder ein Mann an, wir reden über die Weinstube und die Gegend. Die Skepsis gegenüber dem Fremden währt hier offensichtlich recht kurz und wechselt schnell zu einer sehr herzlichen Gastfreundlichkeit.

Auf der Weiterfahrt und noch am Ankunftsort stelle ich die schreckliche Kraft des Kochkäses fest. Zum Glück habe ich keine Mitfahrer. Außerdem streckt sich mir im Spiegel zu Hause dank des bodenlosen Töpfchens ein fürchterlich großer Bauch entgegen. Zwillinge oder Drillinge im 18. Monat. Dass man auch von einer weinstubigen Historie derart geschwängert werden kann… Man lernt eben nie aus.

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