Der Steinbachtalbäck

Ein besonders schöner Biergarten in Würzburg soll der Volksgarten im Steinbachtal sein. Das Steinbachtal liegt im Süden der Stadt auf der „anderen“ Mainseite, also der da, wo sich Festung und Frankenwarte befinden.

Das grüne Steinbachtal ist eine wunderbare Laufgegend, allerdings Biologen zufolge Mäuse mit dem Hanta-Virus infiziert sein, ich hab das noch nicht nachgeprüft. Am Volksgarten bin ich schon des Öfteren vorbeigekommen, fand ihn jedoch noch nie offen vor. Nun, einmal noch muss man es probieren! Hingefahren, Auto geparkt, und, … , zu. Na toll. Die schönen großen Bäume und der hölzerne, rot angemalte Pavillon, scheinbar aus der Gründerzeit, stehen alleine rum.

Zum Glück gibt’s nebenan den Steinbachtalbäck. Da siehts weniger nach Gründerzeit, mehr nach 70er Jahren aus.

Der Biergarten wird nicht von Bäumen, sondern von riesigen Sonnenschirmen der Brauerei Oechsner aus Ochsenfurt beschattet, die sind immerhin grün. Bäume gibt’s wie gesagt nicht, aber dafür stehen zwischen den Tischen Stechpalmen in Terrakotta-Plastik- und Plastik-Plastik-Kübeln. Erwähnte ich schon die 70er? Statt Kies geht man auf viereckigen Kunststeinplatten. Eigentlich wirkt das weniger wie ein Biergarten, vielmehr wie ein Biervorplatz.

Die Kundschaft ist gut gemischt, ein älteres Pärchen wirkt wie aus dem Uni- oder Kulturbetrieb, er mit weißem Bart, sie mit floral geschmücktem Hut. Ein junges Pärchen, und eine Familie mit fülligeren Frauen und eher dünnen Männern. Ein pummeliges Kind von circa sechs Jahren hat ein ziemlich großes, halbaufgegessenes Schnitzel und einen Suppenteller voller Pommes vor sich stehen. Die Mutter meint vorwurfsvoll: „Was’n mid dir heud los, hasd kaan Abbedid?“

Ein wiederum älteres Paar hat eine noch viel, viel ältere Oma mit dabei, die ihr Essen überaus genießt und mit dem Bierfilzl in zwei Anläufen eine Wespe zerbazt.

Überhaupt diese Wespen. Allerweil fliegen sie herum, eine kriecht sogar fünf Minuten im Hals meiner Bierflasche herum. Weil ich so eine nicht auch noch in meinem Hals haben will, beschließe ich reinzugehen.

Drinnen sitzen einige Familien und Paare jeden Alters. Die hatten wohl ebenfalls dieselben Probleme mit den Viechern. Die Einrichtung schwankt zwischen Gemütlichkeit, und dem 70er Jahre Versuch, Gemütlichkeit zu erzeugen.

So, was gibt es zum Essen und Trinken? Einerseits natürlich Biere der Brauerei Oechsner, dann diverse Weine aus der Umgebung. Eigentlich sollte man ja zum Wein greifen, da die Bäcker („Bäck“) in Würzburg traditionell Wein ausschenken. Da ich fahren musste, bestelle ich mir ein alkoholfreies Bier für 2,80 Euro und bekomme ein nicht regionales, aber dennoch wohlschmeckendes Clausthaler.

Zu Essen gibt es diverse Pfifferlingsgerichte, aber auch auf der Tageskarte Schweinebäckchen mit Bandnudeln und als Spezialitäten einen gebackenen Kalbskopf, Silvaner-Rahmsuppe und fränkischen Sauerbraten. Wow, endlich mal eine Speisekarte, die über das übliche Niveau hinaus geht. Herrlich, genau das fordere ich doch immer, auch mal auf die unbekannten traditionellen Gerichte oder auf innovative regionale Gerichte einlassen! So, und was bestellt sich der Herr bayerische Bocuse? Ein Schweineschnitzel mit Pommes für 9,50 Euro. Ou Mann. Asche und Schande auf mein Haupt, auch ich habe mich hiermit schuldig gemacht und trage zur Verarmung unserer Küche bei. Lag es an der Hitze? Hatte mich das Schnitzel, das halbaufgegessen vor dem Kind am Teller lag, so appetitlich angelacht? Oder war ich einfach schon so fertig durch die lange vorherige Fahrt oder die Wespen? Oder war es etwas anderes?

Denn bis ich meine Bestellung aufgeben konnte, dauerte es einige Zeit. Überhaupt mussten viele Leute mehrfach anfragen, um etwa die Rechnung zu bekommen, ein junger Mann, der ein Cordon-Bleu vorbestellt hatte, durfte auch noch warten, seine Bestellung wurde vergessen. Vielleicht kam ich an einem besonders hektischen Tag, wobei überfüllt waren weder Biergarten noch Gaststube. Dabei waren die Bedienungen (etwas älteren Semesters) überaus freundlich, brachten ein extra Bierfilzl gegen die Wespen und entschuldigten sich für die Wartezeiten.

Dann kommen zwei recht dicke Schnitzel-Brocken mit einem zusätzlichen Suppenteller voll Pommes. Die Schnitzel sind mir einen Ticken zu dick, keine kulinarische Supererfahrung, aber sie schmecken. Die Pommes sind leider etwas lätschert, mussten sie in der Küche vielleicht länger warten? Sie sind nicht nur mit Salz, sondern auch noch mit einem an Maggi Erinnerndes gewürzt, man sollte beim Salz bleiben.

Ich weiß nicht, was diesen schweineschnitzligen Sündenfall vor der fränkischen Cuisine bewirkt hat. Aber wenn ich das nächste Mal komme, dann bestelle ich mir den Kalbskopf und einen feinen Frankenwein. Hoffentlich wirkt dann auch der Biergarten etwas weniger 1970er, sondern mehr 1870er.

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