Die Residenz

Wenn es ein Gebäude gibt, dass Würzburg in Franken einzigartig macht, dann ist das die Residenz. Und wenn man ganz ehrlich ist, ist diese Residenz auch deutlich beeindruckender als ihr Münchner Pendant, ganz zu schweigen von den Residenzen der zahlreichen kleineren Duodezfürsten und geistlichen Herren, die in Bayern auch mal was zu sagen hatten.

Kein Wunder, dass man bei der Filmproduktion der drei Musketiere mit Orlando Bloom und Mila Jovovich hauptsächlich auf die Würzburger Residenz und den Hofgarten als Residenz des französischen Königs zurückgriff. Weitere Drehorte waren u.a. die Alte Mainbrücke, die Alte Hofhaltung in Bamberg, Schloss Herrenchiemsee und ja, auch ein Stückchen des Münchner Residenzgartens.

So wuchtig und pompös, aber auch verspielt und prächtig wie die Residenz heute da steht, es war ein ziemlicher Aufwand bis wir sie so sehen. Klar, der erste Bau im 18. Jahrhundert war ein Kraftakt, aber wohl genauso aufwändig: die Wiederherstellung nach der Zerstörung im Zweiten Weltkrieg.

Der Bau

Von 1720 bis 1744 dauerte es, bis der Rohbau stand, bis 1780 werkelte man dann an der Innenausgestaltung. Verantwortlich für den Bau: Balthasar Neumann, DER Barockbaumeister überhaupt. 1,5 Millionen Gulden verschlang der Bau, zum Vergleich: ein einfacher Arbeiter verdiente zu der Zeit einen Gulden in der Woche.

Lange konnten sich die Fürstbischöfe ihrer wunderbaren Residenz nicht erfreuen. 1803 fiel es an Bayern, von 1806 bis 1814 erhielt der Habsburger Ferdinand III. das Großherzogtum Würzburg. Napoleon logierte zweimal hier und bezeichnete den Bau (beeindruckt oder zum Spott) als schönsten Pfarrhof Europas.

Dann war erst einmal Ruhe, bis auf dass man ein künstlerisches schmiedeeisernes Gitter vor der Residenz abbrach und 1894 den Frankonia Brunnen mit den bedeutendsten fränkischen Künstlern der Geschichte aufstellte.

Am 16.3.1945 gab es einen schweren Luftangriff auf Würzburg, 90% der Altstadt wurden zerstört, die Schäden sieht man heute noch, etwa an der St. Johannis Kirche. Fairerweise sei gesagt, dass die deutsche Führung die Ruinenstadt aber nicht kampflos übergeben wollte, weshalb die ausgebrannten Häuser, die man vielleicht noch wiederherstellen hätte können, in den Kämpfen der darauffolgenden Wochen komplett zerschossen wurden. Freilich wurde beim Luftangriff die Residenz getroffen. Der Dachstuhl brannte und krachte aus auf das Treppengewölbe, doch das hielt stand. Darum blieben die Deckenfresken hier und im Kaisersaal bis heute im Original erhalten. Aber der Rest ging im Brand unter oder erlitt durch eindringende Feuchtigkeit Schäden, wie etwa die Hofkapelle. Ausgerechnet einem Amerikaner ist es zu verdanken, dass wir die Residenz heute wieder in ihrer Pracht bestaunen können, dazu aber später mehr.

Glücklicherweise hatte man Möbel und Gemälde ausgelagert. Dieses Interieur gab unter anderem den Anstoß, die Mammutaufgabe auf sich zu nehmen und die Residenz wieder aufzubauen. 20 Millionen Euro kostete das, viele Techniken mussten neu gelernt werden, da das Wissen um derart perfekte Stuckaturen über die Jahrhunderte in Vergessenheit geraten war. Erst 1987 war die Sanierung abgeschlossen.

Die Residenz ist darum ein Beispiel für die wechselvolle Beziehung zwischen Feinden und Freunden, für Pracht und Zerstörung, Krieg und Frieden. Sie war ein Prachtstück des Alten Europas und des katholischen Frankens. Geschaffen von den besten regionalen und internationalen Künstlern, zerstört durch einen nationalistischen Krieg, bewahrt von einem ehemaligen Feind, wiederaufgebaut von der einstigen Besatzungsmacht Bayern, heute zur Bewunderung der Schönheit Frankens der Welt geöffnet. Jawoll, es kann gar nicht pathetisch genug beschrieben werden!

Eine Führung

Wir betreten die Residenz, ein Großteil des Erdgeschosses im Eingangsbereich ist zugebaut wegen Renovierungsarbeiten. Das eher niedrig gehaltene Vestibül müssen wir uns also vorstellen. Über einen Umweg gelangen wir zur Kasse. 7,50 Euro Eintritt gezahlt, und gerade noch einer Führung hinterher.

Die Erklärung im Gartensaal verpassen wir, der Raum wirkt aufgrund seiner nicht so hohen Decke eher heimelig als bombastisch. Allerdings sollte man die Pracht der Fresken, der Säulen und des Stucks jetzt nicht ganz unter den Teppich kehren.

Wir kommen in das gewaltige Treppenhaus. Das hat mehrere Absätze. Je nach Rang des Besuchers begrüßte der Bischof den unten beim Ausstieg oder wartete oben, dass dieser allein die Treppen raufstiefelte.

Hier erwartet uns dann das mit 600 qm weltgrößte Deckenfresko. Giovanni Battista Tiepolo pinselte hier 218 Tage dran rum. Der italienische Künstler verließ übrigens Zeit seines Lebens nur zweimal Italien, einmal für die Würzburger Residenz, das andere Mal für den Königshof in Madrid. Hier in der Residenz zählt auch der Kaisersaal zu seinen Werken. Insgesamt war er von 1751 bis 1753 in Würzburg tätig, dem Todesjahr Balthasar Neumanns. Übrigens bekam der Maler 15 000 Gulden für das Werk, Neumann hätte für die Summe 13 Jahre arbeiten müssen.

Im Fresko des Treppengewölbes tummelt sich die Welt, allerlei Gestalten und Getier, Künste und Wissenschaften.

Alle damals bekannten Kontinente versammeln sich in dem Bild, um Fürstbischof Carl Philipp von Greiffenklau zu huldigen. Dabei ist Asien mit seinen Errungenschaften Schrift und Religion vertreten, Europa mit der Musik und der Malerei. Die Wildheit des damals sehr unbekannten Kontintents Amerika zeigt ein Alligator. Ganz genau war man mit den Tieren allerdings nicht, ein afrikanischer Elefant treibt sich in Asien herum. Auch die Künstler Bossi, Neumann und Tiepolo sind als Vertreter von Bildhauerei, Architektur und Malerei abgebildet. Neumann sitzt hier auf einer Kanone, denn er war eigentlich Oberst der Artillerie. Übrigens: Dieses Bild ist das Original, es wurde im Krieg nicht zerstört, also würdigen!

Der Raum selbst ist frühklassizistisch ausgestattet, also überhaupt nicht überladen.

Anschließend folgt der Weiße Saal. Der ist farblich das genaue Gegenteil des Treppenhaus-Freskos, weil er fast überhaupt keine Farbe enthält. (Darum auch der Name weiß, verstehste?) Deswegen ist er aber nicht weniger prächtig. Über und über wurde er 1744/45 von Antonio Bossi mit Stuck ausgestattet. Wir finden hier Rüstungen und Waffen dargestellt, hier konnte sich die Garde des Fürstbischofs präsentieren.

So überreich der Raum ausgestattet ist, glaubt man nicht, dass der Stuckateur das alles freihändig aufgetragen hat. Hat er aber.

Es folgt als Höhepunkt: der Kaisersaal. Kaisersäle gibt es eigentlich in allen Residenzen aus dieser Zeit, auch in Abteien hatte man so einen oft. In diesem Saal wollte man den Kaiser des Alten Reichs empfangen, er sollte dem also würdig sein. Dementsprechend hatte er auch die prächtigste Ausstattung. Tatsächlich machten die damaligen Kaiser auf ihrem Weg zur Krönung in Frankfurt in Würzburg Station. Die Deckenfresken zeigen den damaligen Bischof und Kaiser Friedrich Barbarossa. Man wollte so dem jetzigen Kaiser klar machen, wie wichtig es für die weltliche Macht war, auf die geistliche zu hören. Einige Fresken haben einen 3D-Effekt, manche Stuckaturen wurden aus Pappmaché gefertigt, wirken aber wie echter Stuck.

Es folgen die so genannten südlichen Kaiserzimmer. Die sind hintereinander angeordnet und eines ist prächtiger als das andere. Wir beginnen mit einfacher Holzausstattung bis hin zu Gold, auch die Leuchter werden immer kostbarer bis hin zu venezianischem Glas. Die Teppiche an der Wand sind flämischer Produktion, damals das Nonplusultra. Leider hat man die Teppiche in den 1980er Jahren falsch gewachsen, sie sind eingelaufen, auch die Farben sind verwaschen. Da haben sie Jahrhunderte überlebt, die Säkularisation, diverse Kriege bis zum Zweiten Weltkrieg und dann kommt ein übereifriger Putzteufel und macht einen Scheiß. Die Räume selbst haben den Krieg nicht überlebt. Die Restauratoren mussten in unserer Zeit neu lernen, wie man den Stuck überhaupt anfertigt. Ebenfalls neu lernen mussten sie die Ausstattung im prächtigsten Raum, dem Spiegelzimmer. Das ist über und über mit Spiegeln bedeckt, die farbigste Motive in Hinterglasmalerei zeigen. Vier Jahre brauchte man im 18. Jahrhundert für dieses eine Zimmer, acht Jahre im 20. Jahrhundert. Zwei Kilo Gold wurden an den Wänden verpinselt, 3,5 Millionen Euro kostete dieser eine Raum.

Man versuchte zwar vor der Bombardierung das Spiegelzimmer abzubauen, doch bei dem Versuch den ersten Spiegel zu entfernen, brach dieser. Das herausgebrochene Stück ist ausgestellt, es ist der einzige Überrest vom Original.

Damit endet die Führung. Der Führer weist zwar ständig darauf hin, dass wir in Franken, und nicht in Bayern sind. Dennoch ist er ganz froh, dass die Bayern die Restaurierung, man kann fast sagen die Wiedererrichtung der Residenz bezahlt haben. Für eine Stadt wie Würzburg allein wäre das unbezahlbar gewesen. Als Zahlmeister ist Bayern dann doch gut. Das kennen wir doch irgendwoher…

Historie

Wir erkunden nun auf eigene Faust die weiteren Räume der Residenz. Es folgt der Gedenkraum, der einerseits mit Fotos und Zeitzeugenberichten an die Zerstörung der Stadt und der Residenz durch britische Bomber am 16.3.1945 erinnert. Andererseits würdigt man hier einen echten Monument Man, John Davis Skilton. Er war Kunsthistoriker in Washington und als Kunstschutzoffizier sorgte er für die Rettung der Fresken Tiepolos, des Treppenhauses Neumanns, des Weißen Saals, des Kaisersaals, kurzum: Alles was noch stehen geblieben war. In der Not des zerstörten Landes organisierte er höchst seltenes Baumaterial, um die Kunst mit einem Notdach vor eindringender Nässe zu schützen. Im Juni erreichte 1945 erreichte er die Stadt, im September und Oktober war er fertig. Nicht zu früh, den Winter hätte das heutige Weltkulturerbe nicht überlebt.

Die nördlichen Kaiserzimmer sind schön anzuschauen, fallen aber nach dem Spiegelzimmer etwas ab. Hier steht ein schönes, aber klein geratenes Doppelbett, in dem Napoleon auf seinen Durchreisen nächtigte und besagten Spruch abließ. Uns fällt außerdem ein Elefant mit dicken Theo Waigel Augenbrauen auf. Joa.

Es folgt die bayerische Staatsgemäldesammlung, bzw. ein Teil von ihr. Nämlich der, der sich um die venezianische Malerei kümmert. Dieser Flügel wurde ja neu aufgebaut, man hat die Deckenkonstruktion roh gelassen, damit der Besucher die Bauweise Balthasar Neumanns nachempfinden kann.

Wir verlassen nun diesen Teil der Residenz und gehen in den Flügel, der von der Uni besetzt ist. Da müssen wir etwas durch die Gänge irren. Das Martin von Wagner Museum besuchen wir nicht, wir wollen in den Toskana-Saal. Der wurde vom Habsburger Ferdinand hier eingerichtet, um sich über den zeitweiligen Verlust seines Herzogtums Toskana zu trösten. Hat aber leider zu. Na toll. Letzter Halt: Die Hofkirche.

Die Hofkirche verbirgt sich hinter einem doch eher unscheinbaren Eingang. Wenn man dann am nüchternen Empfang vorbei in den Kirchenraum eintritt, ist das dann doch ein krasser Gegensatz. Stuck von Antonio Bossi, Marmorstatuen von Johann Wolfang van der Auwera und Gemälde Tiepolos, das alles eingefasst in einen kleinen, aber bombastischen Innenraum. Tatsächlich wirkt das hier wie die sakrale Komprimierung der Residenz. Gute Arbeit von Balthasar Neumann. Angeblich soll es hier ja auch noch ab und zu die Messe in lateinischer Sprache geben. Wollte ich zwar ein paar mal besuchen, aber irgendwie fand die dann doch nie statt…

Was noch fehlt, ist der Hofgarten. Rechts von der Hofkapelle befindet sich der Eingang. An manchen Tagen riecht es hier süßlich, denn im Keller werden die Hofkellerweine hergestellt. Der Hofgarten selbst ist gemütlich zu durchschreiten, die Gartenanlage beeindruckt. Japaner und Chinesen auf Urlaub knipsen fleißig, eine Hochzeitsgesellschaft mit türkischem Migrationshintergrund erfreut sich an der Kultur der katholischen Fürstbischöfe.

So, jetzt fragt sich der geneigte Leser: So viel Text und Beschreibung der Optik, und keine Fotos??? Durfte man leider nicht machen 😦 Ein Schmarrn, weil der mündige Bürger im postfeudalen Zeitalter darauf pochen kann, dass der Bau ja auch über seine Steuern erhalten wird. Und darum zur späteren Erquickung und auch Werbung für die Daheimgebliebenen auf photographischem Wege Erinnerungen auf digitalem oder analogen Wege festhalten sollen dürfen. Je nun, man muss sich in seiner bleibenden Rolle als Untertan fügen. Bleibt Euch nix anderes übrig als selber hinzufahren.