Märchenhafte Reise nach Lohr

Hinter den sieben Bergen, bei den sieben Zwergen, da liegt Lohr am Main. Deutschlands Schneewittchen-Stadt Nummer Eins! Weil Deutschlands einzige Schneewittchen-Stadt. Mit irgendwas muss man schließlich werben, immerhin besser als mit einem deutschen Hygiene-Museum.

Also eine Stadt, die Abenteuer und Adrenalin pur verspricht, genau wie im Märchen. Tatsächlich sorgt die Anfahrt schon für Herzrasen und Schweißausbrüche.

Ich fahre bei Aschaffenburg von der Autobahn, 45 Kilometer noch Tank, sagt die Anzeige. Hei, das sollte doch reichen. Doch die geschlängelte Straße durch den wunderbaren Spessart verbraucht anscheinend deutlich mehr, 15 km noch, 10 km noch, 5 km noch, die Tankanzeige sinkt rapide. Oh oh oh, jetzt wird’s brenzlig, wo ist der nächste Ort mit einer Tankstelle??? Dieses Lohr scheint in einer sehr einsamen Gegend zu liegen.

Ich stehe an einer Kreuzung mitten im Wald, der nächste Ort ist Heigenbrücken, 6 km entfernt. Das könnte ich mit meiner 5 km Tankanzeige noch schaffen. Nachdem ich 300 Meter gefahren bin, springt die Anzeige auf 0 km. In Worten Null. Zum Glück geht’s bergab, einfach laufen lassen. Klimaanlage, Lüftung und Radio aus, kostet Sprit, ein offenes Fenster ebenfalls. Lieber schwitzen als stehen bleiben. In Heigenbrücken angekommen suche ich nach einer Tankstelle, ich finde keine. Ich halte an – oje, wieder anfahren wird wieder Sprit kosten – und frage einen Passanten. Nein, hier gebe es keine Tankstelle. Gar keine? Gar keine. Wo denn die nächste sei? In Laufach, den Weg wieder zurück. Den Weg zurück??? Ich bin verloren. Den ganzen Berg HINAUF!

Wohl niemals zuvor fuhr ein Fahrzeug derart sparsam einen Berg hinauf. Diese sieben Zwerge liegen wirklich tief versteckt hinter ihren sieben Bergen, da kommt doch kein Mensch hin!!

Da auch mein Handy fast keinen Akku mehr hat, reicht es nur noch für ein kurzes Gespräch nach Hause, wo die allerallerallernächste Tankstelle ist? In Laufach, meldet die Homebase, genau wie der Passant auch gesagt hat. Also die sechs Kilometer den Berg hinauf und dann nochmals sieben Kilometer zurück. Macht insgesamt 19 Kilometer, die ich mit Tankanzeige Null Kilometer fahre. Aber ich schaffe es. Endlich finde ich in Laufach eine Tankstelle, was für eine Erleichterung. Dass der Sprit 13 Cent teurer ist als in Lohr, stelle ich erst später fest. Ist mir aber in der Situation auch wurscht.

Nun zuckle ich nicht schneller als vorher wieder die sieben Berge hinauf, hinter einigen LKW her. Die Waldlandschaft und die Serpentinenstraße, die Sonne, die durch die grünen Laubbäume scheint, wun-der-bar.

Endlich in Lohr angekommen. Die Stadt ist laut Erkenntnis zweier Fabulogen, welch fabulöser Fachbegriff für Märchenexperten, der Ursprung der Schneewittchen-Sage. Im Schloss soll es nämlich vor Jahrhunderten einen recht eitle Stiefmutter-Fürstenehefrau mit einem ziemlich wertvollen Spiegel gegeben haben. In unserem Jahrhundert sorgte eine Skulptur für Wirbel in der Stadt. Ein so genanntes Horrorwittchen, eine angebliche Gruselfigur des Märchenvorbildes, weil halt moderne Kunst. Ob ich die finden werde? Also nach den sieben Zwergen habe ich auch gesucht, aber alle Menschen, dir mir über den Weg gelaufen sind, waren sogar für unterfränkische Verhältnisse normal gewachsen.

Bei der Polizei, direkt neben der Innenstadt, kann man für 45 Minuten parken.

Tischlein deck dich!

Bevor ich mir die Stadt anschaue: Erst einmal eine Stärkung! Der Biergarten der Brauerei Keiler ist gleich um die Ecke. Eine mächtige Pappel spendet Schatten, sie ist mit Draht umwickelt. Muss man hier so lange aufs Essen warten, um den Stamm vor Verbiss durch hungrige Gäste zu schützen?

Eigentlich ist der Biergarten recht gemütlich, allerdings liegt er direkt an der Durchfahrtsstraße, das ist dank der vorbeibrausenden Autos doch eher störend. Der Nebentisch dagegen ist davon ganz angetan, weil auch permanent Leute vorbei laufen, die man kennt, grüßt und mit denen man ins Gespräch kommt. Am anderen Tisch sitzt eine Motorrad Gang. Die schauen schon gefährlich aus, allerdings irritiert mich das seltsame Gummibärchen-Symbol auf ihren Kutten. Ich muss schon verdächtig lange und verdächtig genau hinschauen, bis ich bemerke, dass es sich dabei um einen Drachen handeln soll. Nunja, neben den Hell’s Angels und den Bandidos wollen wohl nun auch die Ricola Rachendrachen Rocker am Markt für Zauberpulver mitmischen. Oder einfach nur einen Schweinebraten essen.

Auf meinem Tisch liegt ein Flyer: „Dein Biergarten braucht dich!“ steht da, und man solle seinen Lieblingsbiergarten wählen. Hui, was für eine Verantwortung. Also da müsste ich fei schon lange überlegen. Es gibt so viel tolle Biergärten, da den besten raussuchen… Vielleicht gibt’s die Aktion nächstes Jahr wieder, bis dahin habe ich mich entschieden. Ansonsten finde ich sowas ein großartiges Unterfangen. Die Menschen dazu zu bringen, über ihre Biergärten bewusst nachzudenken und den besten zu küren. Das könnte ein Anreiz für viele Biergärten sein, ihre Stärken auszubauen und an ihren Schwächen zu arbeiten und so die Qualität bayerischer Biergärten weiter zu steigern.

Die Brauerei Keiler ist in Unterfranken vor allem für seine Weizen bekannt. Sehr schön das Motiv auf den Flaschen und den Bierdeckeln mit dem Wildschwein mit Bier in der Hand und Schaum um den Mund. Nein, liebe Nicht-Bayern, der Schaum hat nix mit Tollwut zu tun, der kommt vom Weizen. Zum Essen mag ich aber lieber was herbes, um den Appetit anzuregen. Das Pils duftet hervorragend nach Zitrone und hat einen tollen Schaum, der aber nicht lange bestehen bleibt. Der Geschmack ist gut, hält aber nicht das Versprechen des Duftes ein.

Es ist Schlachttag, und darum gibt es Kesselsuppe mit Riebele. Eine richtig leckere Suppe mit Blutwurststückchen.

Der Sudhausbraten, den ich mir als Hauptspeise genehmige, ist ein gewöhnlicher Schweinebraten, normal im Geschmack, im Vergleich zur Suppe nix besonderes.

Übrigens musste ich nicht die Pappel anknabbern, das Essen kam doch recht schnell.

Däumlings Wanderschaft

So, nun ist’s Zeit, wohlan zur Stadtbesichtigung. Halt, erst noch Geld nachlegen am Parkplatz und ab Richtung Schloss. Sehr fein anzuschauen, es wirbt gar mit Räubern im Spessart und dem Spessartmuseum. Ich trete ein und frage was ich bezahlen muss. „Stecken Sie Ihren Geldbeutel wieder ein“, meint die Frau an der Kasse. Das ist ein guter Preis, denke ich mir. „Wir schließen in fünf Minuten.“ Eine Stunde brauche man schon für die Besichtigung. Dann halt nicht, ist ja schon 16:00 Uhr, Schlafenszeit, wahrscheinlich kommen jetzt die Zwerge aus dem Bergwerk. Vor dem Schloss finde ich keine Statue des Horrorwittchens. Eine stählerne, eher nach Disney oder Ludwig-Richter aussehende Silhouette des Schneewittchens mit den sieben Zwergen steht auf der Schlossmauer. Ich gehe weiter zum Markplatz, ein äußerst schönes Rathaus haben die da. Überhaupt der ganze Ort: Wahnsinnig putzig, so viel Fachwerk. Was für herrliche Fotos könnte man hier nur machen, aber nein, das Handy weigert sich, denn der Akku ist ja schon seit der der Tankstellensuche ziemlich am Boden.

Ganz besonders muss ich dem Besucher den Kirchweg ans Herz legen, pittoreske Durchgänge gibt’s da. Und dieses Fachwerk und die Pflanzen, die sich an den Häusern empor ranken. Wieso nur ist dieser Glumpakku leer???? Ach und wenn wer fragt warum ich Fotos mit meinem Handy mache und nicht mit einer superduper Spiegelreflex: Von einem gratis Blog kann man halt nix erwarten. Die Gebrüder Grimm hatten damals auch keine Nikon oder Canon, sondern wahrscheinlich nur ein altes Nokia ohne Kamerafunktion.

Die Stadtpfarrkirche St. Michael ist innen spätgotisch, frühbarock und neogotisch, also ein kunstgeschichtlich weiter Bogen. Fürs Gebet ist sie angenehm ruhig. Eine Treppe bergab an einem Spielplatz vorbei, vorbei auch an reizenden Häuschen aus Sandstein durch die Innenstadt. Reingeguckt in gemauerte Kellerabgänge mit Tonnengewölbe, man könnte sich fast in Italien oder Südfrankreich wähnen. Zum Glück gibt’s einen kleinen Führer, der mich durch alle schönen Straßen leitet. Allerdings finde ich immer noch kein wirklich bedeutsames Schneewittchen, weder grausig noch märchenhaft. Ein weiterer Spielplatz kommt, mit Bach und Steinbrocken, auf denen die Kinder spielen. Freifließendes Wasser in der Stadt und ein paar Felsen dazu, tolles Abenteuerspiel. Hätte man als Kind selber auch gern gehabt.

In einer Seitenstraße setze ich mich in das Café Geis. Ich bestelle mir einen Espresso, die angebotenen mürben Momper lasse ich in der Auslage, sie sehen aus wie ein ganz normales Gebäck. Und was das genau sein soll kann mir auch keiner erklären. Ich setze mich neben eine Gruppe älterer Touris, die, was den Dialekt angeht, wohl von nicht so weit her sind. Der Espresso ist wirklich gut, hätte ich in so einem „Oma-Café“ nicht erwartet. Also eine Empfehlung.

Ich gehe weiter durch die Stadt, Richtung Auto, und auf einmal sehe ich das Schneewittchen vor mir: Haare schwarz wie Ebenholz, Lippen rot wie Blut und eine Haut so weiß wie Schnee. Genauso sieht ein Schneewittchen aus. Es, oder besser sie sitzt da in einem Hauseingang, neben ihr eine etwas korpulentere Freundin in zerschlissenen Jeans. Ob die Dame mal Lohrer Schneewittchenkönigin war? Ob sie eine böse Stiefmutter hat? Ob sie bei ein paar Zwergen wohnt? Ich finde das nicht heraus, weil ich nämlich nicht meine Prinzen-Strumpfhosen anhabe und wenn Madame schon so angestrengt mit ihrer Freundin in ihr Smartphone reinblicket, so möchte ich das Edelfräulein mit ihrer Kammerzofe nicht stören.

Also ab ins Auto und am deutschen Transformatoren-Museum (ein Trafo-Häuschen) vorbei durch die wunderbare Spessart-Landschaft gecruist. Kurz vor Karlstadt weicht dann der Wald wieder Feldern. Als ich einige Wochen später wieder in der Gegend bin, habe ich zwar genügend getankt (ins Auto, Mensch!), allerdings merke ich nach dem Aussteigen am Parkplatz: Akku wieder leer. Ob mit oder ohne Schneewittchen: Ich muss also nochmal in diese märchenhafte Stadt kommen. Das nächste Mal nehme ich mir einen Dieselgenerator für die Handykamera mit.