Miltenberg – verschlafen oder entspannt?

Schon mal von der Region Churfranken gehört? Nein? Obwohl das Wort sehr alt klingt, gibt’s das erst seit ein paar Jahren, erdacht zum hehren Ziele der Tourismusförderung. Der Begriff geht zurück auf die fränkischen Gebiete, die bis zum Reichsdeputationshauptschluss 1803 zum Kurfürstentum Mainz gehörten. Grober Inhalt des Begriffs: „Wo der Main am schönsten ist.“ Ha! Nimm dies, Würzburg, Bamberg, Bayreuth, Aschaffenburg, Frankfurt, Mainz und der ganze Rest dazwischen! Weiteres Motto: „Leben Sie langsamer!“ Ui, wir müssen also entschleunigen.

St. Jakobus und der Main.

Na

gut,

dann

werden

(einatmen)

wir

uns

die

Metropole

(ausatmen)

dieser

churfränkischen

Region

zu

(boa wat is dat langweilig)

Gemüte

führen.

(einatmen)

Nämlich

Mil-

ten-

(ausatmen)

berg.

So genug entschleunigt. Kernfrage: Ist Miltenberg entspannt oder schon verschlafen?

Famous for Fachwerk.

Das Auto am Fluss geparkt und einmal über die Straße. Die Kirche St. Jakobus liegt gleich gegenüber. Bekannt wurde sie, als 2006 der damalige Pfarrer Ulrich Boom 20 Minuten lang die Glocken läuten ließ und so eine NPD-Kundgebung verhinderte. Die klagten, viele wollten ihn verteidigen (sogar ein früherer CSU-Justizminister), doch das Verfahren wurde eingestellt. Heute ist Boom Weihbischof in Würzburg.

In der Kirche.

St. Jakobus hat zwei schöne Türme aus rotem Sandstein. Miltenberg war früher bekannt für seine Buntsandsteinvorkommen. Bis nach Mainz lieferte man Säulen, so genannte Heunen-Säulen stehen dort, aber auch in Nürnberg und München. In der Kirche finden wir sowohl Barock und Moderne, durchaus interessant. Davor ist der alte Marktplatz mit vielen wunderbaren Fachwerkhäusern. In einem davon ist eine urige Bäckerei, der Mayer Beck, darin kaufe ich mit eine bayerische Kreppelbreze für stolze 1,40 Euro, schmecken tuts wie ein Krapfen.

Der Patient braucht dringend 500 mg Doppelbock intravenös.

Die Gegend zwischen Main, Odenwald und Spessart wurde schon in der Frühgeschichte besiedelt, die Reste zweier Ringwälle finden sich in der Umgebung. Dann kamen die Römer und bauten zwei Kastelle, eins davon im Gebiet der Miltenberger Altstadt, um ihren Limes zu sichern. Die Römer zogen ab, zeitweise waren die Kastelle noch bewohnt, später baute man einfach an ihre Mauern an. Ab dem Bau der Mildenburg um 1200 entwickelte sich die Stadt weiter, 1319 ließ ein Mainzer Erzbischof da ein Krankenhaus errichten. Knapp 500 Jahre später, 1816 kam Miltenberg dann endlich an Bayern.

Der Bierfreund reagiert darauf wie andere Leute auf Katzenbabys.

Ich wandere die Straße weiter ins so genannte Schwarz-Viertel. Das ist der älteste Teil der Stadt. Da komme ich am Kalt-Loch Braustüble vorbei, das mit einem solidem Speisenangebot wirbt. Allerdings braut man nicht mehr selber, das Bier kommt von der Schlappe-Seppl-Brauerei aus der Aschaffenburger Gegend. Ein paar Schritte weiter ist die Faust Brauerei, die mit dem tollen Slogan „International völlig unbekannt. National eher zweitrangig. Regional der Hammer“ wirbt. Doch man hält sich nicht bei Worten auf. Dank eines gesunden Selbstbewusstsein hat man hier sogar einen Fanshop eröffnet. In dem kann sich der Faust-Bier-Freund mit allem eindecken, was er so braucht, um dem Gerstensaft huldigen zu können. Allerdings ist der Zeitpunkt meines Besuchs der 2. Januar, so direkt nach Silvester glustet es mich noch nicht so sehr. Ansonsten sollte hier der Biersommelier rein, der auf Craft-Bier steht. Die Preise dafür sind etwas gehoben, wobei die Preise im Lokal noch höher sind. Irgendwann muss ich mal einen Beitrag drüber schreiben, warum Craft-Bier so viel teurer ist als eine normale Halbe. Ist der Brauprozess aufwändiger? Zahlt die Kundschaft das halt? Oder ist das einfach ein fairer Preis, und das übrige Bier ist zu billig?

Etwas gut zu Fuß sollte man in Miltenberg schon sein, überall bieten sich nette Einblicke.

Weiter in der Straße ist die Kellerei St. Kilian. Die soll einen schönen Keller haben, ist aber leider geschlossen. Ich drehe wieder um, wirklich schöne Häuser gibt es im Schwarz-Viertel, aber alles wirkt auch etwas verschlafen, fast verlassen. Vielleicht ist im Sommer mehr los. Der Landkreis Miltenberg verliert laut dem bayerischen Landesamt für Statistik wohl Menschen, in Miltenberg selbst scheint es die vergangenen Jahre aber stabil zu bleiben, dank Zuzügen sogar etwas nach oben zu gehen. Zurück am alten Marktplatz wende ich mich nach rechts, den Berg rauf, da soll die Burg sein. Allerdings finde ich dann den richtigen Weg nicht, obwohl der ganz einfach ginge und laufe oberhalb der Stadt entlang. Über ein putziges Gässlein geht’s dann wieder zurück in die Altstadt. Gleich darauf gelange ich zum Gasthaus zum Riesen. Das wirbt damit, ältestes Gasthaus Deutschlands zu sein. Hierzu bekam ich schon vor geraumer Zeit einen Tipp über die Bavaritas-Facebook-Seite. Denn ich hatte schon mal ein Wirtshaus bei Regensburg besucht, das als ältestes Wirtshaus der Welt im Guiness Buch steht. Wer ist nun älter? Schlagt’s euch drum!

Die berühmteren Gäste hatten zweifellos die Miltenberger. Bewirtet wurden hier Kaiser Barbarossa 1158, Kaiser Karl IV. 1368, 1518 Martin Luther, 1520 Albrecht Dürer, 1711 Kaiser Karl VI., 1959 Elvis Presley und 2018 ich. Man wirbt damit, dass die Zutaten zu 90% aus der Region kämen und auch der Verein Slow Food hier öfters mal vorbeischaue. Na, das kann ja ganz fein werden. Als echter Gourmet greife ich zu den Miltenberger Rossäpfeln für 8,90 Euro. Die schauen nur so aus, schmecken aber hoffentlich anders. Wobei ich zum Glück den Vergleich nicht ziehen kann. Die Miltenberger Rossäpfel sind Leberknödel ohne Suppe, aber mit Soße. Die Knödel sind teigig, haben aber auch einen feinen Lebergeschmack. Die Dunkelbiersoße ist eher süß, der Speck kräftig im Geschmack, das Sauerkraut ist sauer und der Kartoffelbrei sehr gut, das müssen deliziöse Kartoffeln gewesen sein.

Das Wirtshaus zum Riesen.

Eine Besonderheit ist, dass es zu jedem Gericht eine Bierempfehlung gibt. Tatsächlich stehen auf der Karte mehr als zehn Sorten „normales“ Bier der Faust-Brauerei, also Weizen, Bock, Pils, usw. Und dann noch weitere Craft Biere. Die schlagen aber deutlich teurer zu Buche. Als Aperitif nehme ich ein Riesen Spezial, 0,1 Liter für 1,20 Euro. Umgerechnet auf die Menge ist das nicht wenig Geld, hat aber den Vorteil, dass man viel probieren kann. Gute Idee! Dieses Spezial ist süffig, leicht malzig, aber auch gscheid herb. Anschließend gibts noch einen Doppelbock, selbe Größe, selber Preis, der ist fast so rauchig wie Whiskey und hat eine Karamell Note. Für 1,90 Euro gibt’s den Espresso der ortsansässigen Rösterei Mika, der ist gut, nicht zu säuerlich, aber fast etwas dünn nach dem Doppelbock.

Deftig.

Ich zahle und marschiere noch etwas durch die Straßen. Wobei, nicht allzuweit, aus der gut besuchten Rösterei Mika dringt köstlicher Kaffeeduft. Der lockt mich hinein, drinnen finde ich allerlei Spezialitäten, auch aus der Region. Eine krass nach Grapefruit riechende Dose interessiert mich, eine Pfeffersorte namens Timut duftet so. Nicht ganz billig, aber damit kann man bestimmt einige Dinge überraschend anders würzen. Irgendwann komme ich an einen hohen Turm mit Durchgang, kurz davor ist eine putzige Bäckerei namens Hubertus Bundschuh. Die wirbt mit nach besonders traditionell hergestelltem Brot, ich nehme mir eins für daheim mit. Das schmeckt gut, aber dafür müsste ich jetzt nicht nach Miltenberg fahren.

Selten so einen hochkulturellen Döner gesehen.

Fazit: Was ist eine Reise nach Miltenberg wert? Miltenberg. Die Stadt selbst mit ihren schönen Fachwerkhäusern. Und der Wert, den die Miltenberger auf Essen und Trinken legen, das ist keine Touri-Abfertigung, sondern durchaus mehrere Bissen und Schlucke wert. Auch wenn manche Straßen etwas verschlafen wirkten, da gibt’s ganz andere Orte in Bayern, dagegen ist Miltenberg eine brodelnde Metropole. Die schöne Architektur, das besondere regionale Essen, die Bier-Innovationen sorgen für ein lebendiges, sich weiterentwickelndes Heimatgefühl bei den Miltenbergern selbst, und für eine sehr tiefgehende Entspannung beim Gast.

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