Schelmenkeller

Das Würzburger Original schlechthin, der Wirt der Wirte Unterfrankens, kommt aus Nordrhein-Westfalen. Schenkt Killepitsch aus und hört auf den Namen Werner. Katholisch ist er, das zumindest verbindet ihn mit den Einwohnern der Weinstadt am Main. Und von seiner lauten Fröhlichkeit können sich sogar die für Bayern recht offenen Unterfranken noch eine Scheibe abschneiden.

Wie finden wir den Schelmenkeller? Gar nicht, er findet dich. Nein, so ein Schmarrn. Der Schelmenkeller versteckt sich aber tatsächlich besser als Politiker vor der Ehrlichkeit. Nicht leicht zu finden also. In einem der ältesten Stadtteile Würzburgs, in der Pleich, zwischen Pleicherschulgasse und Pleicherkirchgasse. Oder die Schüttgasse einfach geradeaus gehen, dann kommt man in einen Hof mit einem Torbogen. Hier rechterhand durch die Holztüre eintreten und die Treppe runter. Und dann hört man meist schon Werners Stimme. Laut, rauchig, lustig.

Der Schelmenkeller besteht aus zwei Tonnengewölben, die rechtwinklig zueinanderstehen. Im einen, kleineren, steht ein Klavier und uralte geschnitzte dreibeinige Sessel, hier treffen sich auch Verbindungen. Der andere ist größer, man findet mehrere Tische, die Bar und einen uralten unterirdischen Ziehbrunnen, allerdings mit Deckel drauf. In Würzburg haben die meisten Keller die Bombardierung überstanden und zeugen noch von der Geschichte der Stadt.

Zum Trinken kann man das Diestelhäuser Landbier empfehlen, wesentlich besser als Würzburger Hofbräu. Natürlich gibt es auch Wein und diverse Spezereien, etwa der Killepitsch, ein Kräuterlikör aus der Heimat vom Werner.

Ganz interessant „für die Damen“, wie der schelmige Wirt informiert, ist die Landbierbowle, Landbier mit Pfirsichstücken. Schmeckt aber auch männlichen Exemplaren der Spezies Homo sapiens.

Zum Aschermittwoch macht Werner immer Matjesfilet, sehr bekömmlich. Dann kommt er an den Tisch und freut sich über die guten Fischesser. Beklagt sich aber auch, dass er an diesem Tag schon zwei Schnitzel machen musste. Wahrscheinlich Protestanten. Nach dem Mahl stellt Werner fest: Der Fisch muss schwimmen. Also gibt’s noch eine Runde Jubiläums Aquavit aufs Haus. Ich hab’s ja schon immer gesagt, diese rheinischen Katholiken wissen zu leben.

Das Schnitzel wird an einem anderen Tag probiert, sehr gut, auch die beiliegenden Bratkartoffeln.

Der Schelmenkeller kann man eigentlich jeden Tag besuchen, nur Samstag kann es etwas voll werden, denn da spielen ab und zu Bands und geben Rock’n’Roll zum Besten. Am Sonntag ist geschlossen, wär ja noch schöner, am Tag des Herrn zu arbeiten!

Die Gäste sind bunt durchgemischt, von jungen Studenten bis zu alten Weinnasen ist alles mit dabei. Die mittelalten Weinnasen sind allerdings etwas seltsam. Einmal stand ein ca. 40-jähriger Verbindungsmann neben mir an der Bar und erklärte dem ganzen Schelmenkeller die Welt. Besonders ereiferte er sich über den bevorstehenden Besuch von Sahra Wagenknecht, die damals noch nicht, oder zumindest nicht offiziell Lafontaines Gschbusi war. Werner und ich waren uns in unserer stramm antikommunistischen Grundhaltung einig. Beim Verbindungsmann war das anders. Da endeten Demokratie und soziale Marktwirtschaft an der Gürtellinie. „Boääää, die wenn da kommt, huiii, die f*** ich!“ Ahja, schön dass es die ganze Kneipe jetzt auch weiß. Wir machten uns etwas über den Weinnasenmann lustig, so dass er zurückruderte. „Boääää, aber ich bring die auf jeden Fall hier rein, huiii, und trink einen mit ihr!“ Das mochten wir immer noch nicht glauben. „Boääää, aber ich sprech sie an!“

Seitdem hab ich den Mann nicht mehr gesehen, ob ihn wohl die Stasi verschleppt hat? Oder ob er jetzt als Lafontaine-Körperdouble für besondere Stunden rumläuft?

Dagegen ist unser Wirt Werner mit seiner lauten Stimme ein Meister der leisen Töne. Nicht leise im Sinne der Lautstärke, sondern wie es einen anrührt. Ob er über den früheren Bischof von Münster spricht, „Ou, das war ein ganz konservativer Knochen“, ob er sich darüber beklagt, dass er, seitdem er das Rauchen aufgehört habe, viel öfter krank sei oder ob er von der mittelalterlichen Vergangenheit des Viertels im horizontalen Gewerbe erzählt. Irgendwie hört man seinen Geschichten gerne zu, sie machen einen auf ganz andächtige Weise fröhlich. Ein richtiger Schelm halt.

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