Stacheliges Weinmenü

Die Glasbilder in den Butzenscheibenfenster zeigen fränkische Sprichwörter.

Die Glasbilder in den Butzenscheibenfenstern zeigen fränkische Sprichwörter.

Das Wirtshaus zum Stachel hat Tradition, wohl DIE Tradition in Würzburg. Es gibt den Laden seit über 600 Jahren, 1319 wurde er erstmals urkundlich erwähnt, da feiern sie bald ihr 700-jähriges Jubiläum. In einer anderen Quelle heißt es gar, dass die ältesten Teile aus dem 12. Jahrhundert stammen und der Vorgängerbau 1303 dem bischöflichen Kämmerer Marquard Cresse gehörte. Seit 1413 wird hier ausgeschenkt. Im Bauernkrieg 1525 trafen sich die Aufständischen und hängten einen Morgenstern, also einen Stachel, aus dem Fenster um zu zeigen, dass die Luft rein war. 1676 baute man im Stil der Spätrenaissance um. 1913 erfolgte die Gestaltung im Stil des Historismus. Einmal tief Luft holen, dass wars dann auch schon mit der Historie. Größtenteils.

Der Ofen schaut nach Renaissance aus, das Kruzifix stammt vom Bildhauer Hans Schiestl.

Der Ofen schaut nach Renaissance aus, das Kruzifix stammt vom Bildhauer Hans Schiestl.

Freilich versuche ich schon seit geraumer Zeit, da etwas zu essen. Aber entweder hatte man Betriebsferien oder die Bude war derart gerammelt voll, dass nicht ein einziger Sitzplatz mehr frei war. Je nun, die Historie und die Neugier darauf bedingen weitere Versuche. Eines Abends starte ich also einen neuen Versuch, stelle mein Auto in der Innenstadt ab und suche aufs Neue den Stachel. Der befindet sich nämlich in einer kleinen Gasse, protzt alo nicht als erstes Haus am Platze herum.

Der Innenhof.

Der Innenhof.

Aus den Butzenscheiben scheint schon warmes Licht auf die Straße, der wunderschöne Innenhof ist wegen der nasskalten Novemberwitterung geschlossen. Ein paar Stufen muss man aufwärts gehen, linkerhand ist ein mittelalterlich wirkenden Gewölbe mit Wandmalereien, in der aber alles reserviert ist. Das ist die Florian Geyer Stube, benannt nach dem Anführer der Bauern im Krieg. Rechts ist die Wirtsstube. Auf den ersten Blick wirkt es sehr historisch, bei genauerem Hinsehen verströmt die Inneneinrichtung eine 50er Jahre Urigkeit. Das Haus wurde im Krieg durch einen Brand arg getroffen, weshalb man kurz danach in Anklang an die vorherige Ausstattung renovierte. In der Stube sitzen Franken, man hört aber auch preußisch. Familien und eine Frauengruppe sind ebenfalls da, gerade Letztere lacht sehr laut.

Und wieder ist alles voll, ich frage die Bedienung, wo denn noch ein Plätzchen frei sei. Sie verweist mich auf einen schwarz gekleideten Mann, der mir ein ganz putziges Tischchen in einer Fensternische zeigt. Auf einem Bänkchen mache ich es mir gemütlich, gegenüber könnte noch jemand sitzen, aber das würde mit Tellern schon eng werden.

Die Florian Geyer Stube mit Kreuzgewölbe und Malereien, das Wandgemälde entstand wohl zwischen 1900 und 1920.

Die Florian Geyer Stube mit Kreuzgewölbe und Malereien, das Wandgemälde entstand wohl zwischen 1900 und 1920.

Die Weinkarte ist sehr umfassend, die Speisekarte geht in verschiedene Richtungen von fränkisch über italienisch bis hin zum Bisonsteak, ist aber nicht allzu überbordend. Leider gibt es den Waller aus dem eigenen Wasserbassin erst ab zwei Personen, ich schwanke noch zwischen Zander und Forelle. Die gehen aber ins Geld, und ich würde gern dazu noch eine Suppe essen. Also bleibe ich komplett bodenständig und bestelle mir bei der überaus freundlichen Bedienung die Rieslingcremesuppe für 5,50 und ganz klassisch: Blaue Zipfel für 8,50 Euro.

Ziemlich gehaltvoll die Suppe.

Ziemlich gehaltvoll die Suppe.

Zunächst ein halber Liter Frankenbrunnen Mineralwasser für 3,50. Die Stachel-Leute bauen seit über 100 Jahren eigenen Wein an, und zwar in Iphofen am Julius-Echter-Berg und am Würzburger Stein. 8,50 Euro für den eigenen Schoppen finde ich schon etwas heftig, es gibt für knapp die Hälfte des Geldes andere offene Weine von ebenfalls gelobten Winzern, etwa vom Brennfleck. Da ich aber ansonsten noch nie einen Stachelwein gesehen, geschweige denn probiert habe, bestelle ich wohl oder übel ein 0,1 Liter Glas vom Silvaner, immerhin Erste Lage. Man ist ja schließlich im Verband Deutscher Prädikatsweingüter. Der Wein ist trocken, eine Frucht wie Quitte ist aber durchaus zu erkennen, hat ansonsten eine mineralisch-spritzige Note. Ganz OK, aber dafür finde ich den Preis zu happig.

Die Rieslingcremesuppe ist deftig, sämig, den Wein schmeckt man schon etwas raus. Sehr gut auch die Schwarzbrot-Croutons. Danach setzt ein leichtes Sättigungsgefühl ein.

Nicht viel später kommen meine Blauen Zipfel, zwei mittelgrobe Bratwürste in einem Weißwein-Essig-Sud mit Zwiebeln, gelbe Rüben und Lauch. Wobei, kann man da eigentlich von Bratwürsten sprechen, wenn sie gedünstet sind? Egal. Die Würste sind frisch, ich kann nicht herausschmecken ob sie eingefroren waren. Sehr gut. Allerdings ist mir die Konsistenz etwas zu fest, normalerweise beißen sich solch grobe etwas lockerer. Der Sud ist gut säuerlich mit einer leichten Nelken-Note.

Das Brot ist gut, zur Spitzenklasse könnte es würziger sein. Den Sud hätte man auch auslöffeln können. Leider fehlte der Löffel.

Das Brot ist gut, zur Spitzenklasse könnte es würziger sein. Den Sud hätte man auch auslöffeln können. Leider fehlte der Löffel.

Eine Nachspeise verkneife ich mir heute, dafür gibt’s aber noch einen Dessertwein. Riesling in der Suppe, Silvaner zum Essen, dann kann jetzt logischerweise nur die Kreuzung aus beiden kommen, der Rieslaner. Und zwar eine Auslese vom Juliusspital für 5,50 die 0,1 Liter. Sehr interessant, nicht zu süß, schön fruchtig, aber auch frisch mit kleiner Säure. Keine Zuckerbombe, sondern eher ein Präzisionssprengkopf, der immer wieder mit einen wunderbar feinen Geschmack auf die Zunge explodiert. Ich frage nochmal beim Wirt nach, der Wein ist von 2015, kein Wunder, dass er so frisch schmeckt. Hätte man aber fast noch ein bisschen liegen lassen können…

Fazit: Reservieren sollte auf jeden Fall sein. Etwas Geld darf man einstecken, aber dafür bekommt man eine gute Qualität aus zumeist heimischen Produkten. Beim Wein muss es nicht der teuerste sein, die Stacheligen haben eine breite Auswahl recht guter fränkischer Winzer.