Verschlafener Glanz in Bad Kissingen

Heutzutage strömt die Welt nach München. Die Australier aufs Oktoberfest, die Chinesen ins Hofbräuhaus, die Russen in die Kliniken, die Araber in die Maximilianstraße. Und alle Staatschefs in den Bayerischen Hof.

Dieser König Ludwig Numero Uno, guter Mann!

Früher strömte die Welt auch nach Bayern. Allerdings nicht in den Süden, sondern in den Nordwesten. Nämlich nach Bad Kissingen. Wer irgendwo irgendwas wichtiges war, kam hierher. Sissi, Zar Alexander II., Ludwig II., Bismarck, der so oft her kam, dass man ihn zum Ehrenbürger ernannte. Hier entstand auch das „Kissinger Diktat“, in dem der Kanzler seine Außenpolitik erklärte. Es gab sogar ein Attentat auf ihn, aber nicht durch einen Einheimischen, sondern durch einen Magdeburger. Der Kanzler kam trotzdem wieder und wieder. Schließlich gab es nur für ihn eine eigene Telegrafenstation. Die Presse Europas schrieb: „Seit gestern Mittag ist der Schwerpunkt des Reiches nach Kissingen verlegt.“

Der Rathausplatz mit dem neuen Rathaus links.

Leo Tolstoi war hier, Henry John Heinz (der mit dem Ketchup), George Bernard Shaw, Leo von Klenze, Vladimir, Nabokov (der mit der Lolita), ein chinesischer Diplomat (im 19. Jahrhundert!), ein indischer Maharadscha, Theodor Fontane, und und und. Die Anwesenheit des 15-jährigen Sohnes des jüdischen US-Unternehmers Louis Stern im Kursaal wuchs sich zu einer Affäre aus, die sogar die Außenminister beschäftigte. Der Maler Adolph Menzel kam ebenfalls oft. Dessen Bilder findet man in jedem Geschichtsbuch zu den Themen „deutsches Kaiserreich, Gründerzeit, Industrialisierung“. Der trank statt dem Wasser aus den Heilquellen lieber Wein, und dies besonders in Schuberts Weinstuben. Dort soll er einmal die Türe zum Klo mit der vom Weinkeller verwechselt haben. Prompt stürzte er im Rausch die Treppe runter. Schuberts Weinstuben scheint mir also ein recht geeignetes Lokal zu sein.

Vorher will ich mir aber noch die Stadt anschauen.

Der Rosengarten erinnert mit seinen Fontänen an die Bäderstädte in Tschechien.
Das alte Rathaus.

Bad Kissingen wurde schon im Jahr 801 urkundlich erwähnt. Huiui. Kurze Zeit beschreibt man schon die Heilquellen. Bereits in der frühen Neuzeit wurde hier fleißig gekurt, Balthasar Neumann errichtete Kurbauten. Die allerdings schon ein Jahrhundert später verschwanden, denn Ludwig I. ließ neu bauen, diesmal von Friedrich von Gärtner. Bad Kissingen war in. So wie heute jeder Hipster nach New York, mindestens aber nach Berlin muss, war damals dieser Kurort the place to be. Kissingen war der erste Ort in Bayern, der komplett an die Kanalisation angeschlossen war, überall wuchsen schöne neue Bauten aus dem Boden. Man baute für die Engländer eine anglikanische Kirche, für die Russen eine orthodoxe. Bis zur Reichspogromnacht stand hier auch eine große Synagoge. Für die Reichen und Mächtigen war der Ort in der Vorrhön im 19. Jahrhundert der Nabel der Welt. Heute, ja mei, wo liegt Bad Kissingen heute? Immer noch am selben Ort. Die nächste Metropole ist 20 Kilometer entfernt, sie heißt Schweinfurt. Oje, das ist nicht mehr der Nabel, das ist… Ja, man muss wirklich gezielt hinfahren.

Die Stadt ist vor allem durch das 19. Jh. geprägt, in der Jakobuskirche findet sich noch Barock.

Ich stelle das Auto ab und schlendere etwas durch die Stadt. Ein einheitlicher Baustil zeigt sich noch nicht, wir finden teils ganz putzige historische Bauten, aber auch eher öde aus den 50ern oder 60ern. Manche Schaufenster zeigen, dass die gute, alte Zeit schon länger vorüber ist. Antiquitäten und Gemälde, die bisweilen schon hart an der Grenze zum Kitsch sind. Damit lockt man keinen mehr hinter dem Ofen hervor, geschweige denn hinter dem Smartphone. Der Rathausplatz bietet dann das erste Highlight, schöne Bauten, interessant das neue Rathaus, der Füllbacher Hof und die fast quadratische St. Jakobus Kirche. Durch die Kirchgasse, vorbei am Schuberts. Ja, bald gibt’s Essen! Erst noch weitergehen.

Im mittleren Haus soll angeblich der Ösi gewohnt haben. Apollo Optik ist da schon eine Steigerung.

Ich komme zum Marktplatz und fotografiere die eindrucksvollen Gebäude. Eine ältere Frau sitzt auf einer Parkbank und spricht mich auf mein Tun an. Sie erzählt, dass sie seit 14 Jahren hier in Bad Kissingen wohne und erklärt die Baustile. Das alte Rathaus (am Marktplatz) etwa sei früher das Bordell gewesen, deshalb sind dort Figuren abgebildet, die nix hören und nicht reden wollen. Wir finden an diesem Platz Mittelalter, Renaissance, Barock, Jugendstil und Klassizismus. Das klassizistische Haus sei auch das Haus, in dem Hitler hier von 1925-1935 mit Göring, Himmler und seiner Freundin gewohnt habe. Naja, ob das alles so stimmt? Jedenfalls habe die Erzählerin eine 93-jährige Freundin. Die musste damals an der Straße stehen und mit der Fahne winken. Da habe sie der „Schnauzbartträger“ gepackt und ihr gezeigt, wie man den Hitler Gruß machte. Soso.

Der Regentenbau kommt wuchtig rüber.

Die Dame selbst ist vor 14 Jahren aus Stuttgart hierher gezogen. Damals hätten hier noch „Leute mit Intellekt“ verkehrt. Das aber sei nicht mehr so, seitdem das Steigenberger Hotel abgerissen wurde. Ob wegen Asbest oder aus Feuerschutzgründen, kann sie nicht sagen. Sogar der Autor von „Quo vadis“ habe hier gewohnt, schwärmt sie. Allerdings kann die Frau den unmöglich kennen gelernt haben, Henryk Sienkiewicz starb 1916.  Sie jedenfalls träumt noch von der vergangenen Größe des Kurortes.

In der Brunnen- und Wandelhalle.

Ich verabschiede mich und schaue mir zunächst den Rosengarten an. Heidernei, bei den vielen älteren Leuten im Park kommt mir schon ein Abgesang auf diese Stadt in den Sinn. Was, wenn die alle weggestorben sind? Nun gut, einige Meter weiter treffe ich dann doch auf junge Menschen. Im Kurhaus läuft derzeit ein Kongress über „Liebe“. Der spricht anscheinend viel Jungvolk an. Irgendwo liegt ein Veranstaltungsheft aus. Lang Lang spielte schon hier, genauso wie Cecilia Bartoli oder David Garett. Da schau her, doch noch etwas Glamour und Größe für das kleine Nest. Wer sich für klassische Musik interessiert, der ist wohl abseits der vier deutschen Millionenstädte in Bad Kissingen am Besten aufgehoben. Das Kurorchester kam übrigens 2012 ins Guiness Buch der Rekorde, mit 727 Auftritten im Jahr. Na, die müssen ja fideln. Das Casino, pardon, die staatliche Spielbank scheint verschlossen, davor wird gebaut.

Hier finden die zahlreiche Konzerte statt.

So, jetzt zum Kurbereich. Die Bauten sind richtig beeindruckend, wirken wie aus der italienischen Renaissance, allerdings finden wir auch Jugendstil. Prächtige Wandelhallen und Becken für Kuren, sowie einen beeindruckenden Konzertsaal gibt es. Die Trinkbrunnen laden zum Probieren ein, das Wasser aus den Quellen ist recht säuerlich, teils auch salzig. Sogar Strontium ist drin. Huch! Bad Kissingen leuchtet. Oder zumindest die Kurgäste. Bevor jemand umfällt und da nicht hinfährt: Eine besondere positive wie negative Wirkung auf den menschlichen Körper ist bei Strontium nicht nachgewiesen.

Draußen finden wir vor der italienischen Fassade, zwischen Palmen, eine Statue von Ludwig I. Mei, was war das nur für ein Staatsmann, mit welch kulturellen Visionen, die bis ins neue Jahrtausend Eindruck schinden, in dieser kleinen Stadt!

Essen mit Historie

Nun marschiere ich eilig zurück zum Lokal „Schuberts Wein & Wirtschaft“. Seltsame Namensgestaltung, aber dafür eine ordentliche Historie! Der Bau stammt aus dem Spätbarock, 1801 kam eine Gaststätte dazu. Früher war der Schubert ein Bäcker, der auch Wein ausschenkte, sowas kennt man ja aus Würzburg. Die Bäckerei wurde aber in den 1960ern aufgegeben.

Innen gibt’s urige, aber auch eher moderner eingerichtete Stuben, ich setze mich bei dem schönen Wetter lieber in den Innenhof. Der ist jedoch eher steril. Die Gäste aus dem Norden am Nebentisch schauen indigniert auf ihren Schnitt (Bier) und realisieren wohl erst jetzt, was sie da bestellt haben.

An den Wänden finden sich nachgedunkelte Malereien.

Einen Tisch weiter meint ein Junge über den Müller-Thurgau der Mutter: „Interessant, aber er könnte den Geschmack des Spargels übertünchen.“ Er sagt wirklich übertünchen. Meiomei. Sachsen sind auch da. Die sind mir da gleich sympathischer. Die Gäste sind alle gut gekleidet, ich steche mit meinem Grattler-Style wohl heraus. Der Ober kommt etwas snobistisch rüber.

Die trockene Scheurebe von Max Müller aus Volkach ist sehr blumig, fruchtig, fein säuerlich, ein sehr guter Wein für 3,40 Euro die 0,125 l. Ein Wasser leiste ich mir auch, kostet 3,30 für den halben Liter.

Ein schöner Kachelofen aus dem Historismus.

Vor dem Essen wird Brot mit Butter gereicht, einfach, aber schmackhaft. Ich gönne mir einen Maibock, eine Art Rehkeule, der hat ordentliches Fleisch, teils saftig, teils trocken. Die Preiselbeersahnesoße ist recht interessant. Bis jetzt kann es sich sehen lassen, aaaaaaaber: Diese Knödel! Also diese Knödel! D i e s e  K n ö d e l !!! Das sind vielleicht die besten meines Lebens. Und das muss was heißen. Der Knödelteig ist irgendwie würzig, nicht zu weich, nicht zu hart, wirklich ein Erlebnis. Kostenpunkt: 16 Euro.

Hier kommt auch das Auge auf seine Kosten.

Das Nachtischangebot heißt Absacker: Für 8 Euro gibt’s Dessert, Schnaps und Espresso. Das Rhabarberparfait braucht lang bis es dann mal kommt und ist sehr hart gefroren, aber ganz OK. Beim Espresso hat man wirklich sehr fein eingekauft, und zwar bei der oberbayerischen Rösterei Dinzler. Top! Der Streuobst Schnaps der Edelbrennerei Bischof ist leicht rass, die Frucht weiß nicht so genau, wo sie hin will. Seltsam, was ist eigentlich der Unterschied zwischen einer Brennerei und einer Edelbrennerei? Der Preis?

Kleines Trio, am besten ist der Espresso.

Ich zahle und schaue mir noch die schönen alten Räume an, ein Zimmer wurde gar nach dem Maler Adolph von Menzel benannt.

Ein Spruch fällt mir dabei auf: „Quält dich ein Kummer, drückt dich ein Schmerz, trinke zwölf Schoppen: leichter wird’s Herz.“ Aaaaah, das geht doch runter wie Öl.

Ein Teil der Kurbauten verströmen ein Flair wie in Italien. Aber mit weiß-blauem Himmel!

Leider darf ich aber nix mehr trinken, ich muss weiterfahren. Bad Kissingen, was kann man nur dazu sagen? Vergangene Größe. Ersteindruck: verschlafen, pensioniert, die gekrönten Häupter machen woanders Urlaub, Deutschland hat hier keinen Schwerpunkt mehr, nicht mal in Unterfranken ist es eine Metropole, geschweige denn in Bayern. Dennoch ist die Stadt wunderschön, sie kämpft, um einen hohen kulturellen Standard zu halten. Beim nächsten Besuch würde ich gerne sehen, ob der Ort auch was für die junge Generation zu bieten hat. Was ich dann wohl zu sehen bekomme? Was ich zu Essen bekomme, weiß ich schon: Irgendwas mit Knödeln!

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