Von der Vogelsburg nach Iphofen

So ist es denn nun an der Zeit, sich auf Weintour zu begeben. Des Abends zuvor waren wir in Würzburg unterwegs, unter anderem im Juliusspital und im Maulaffenbäck, wo wir jeweils kurz vor Schluss hereinschneiten und je einen halbtrockenen Wein und eine Auslese zu uns nahmen. Die Ober hat’s gefreut, dass es zu so später Stunde immer noch Gäste mit Geschmack gibt. Aber Würzburg lassen wir heute außen vor.

Der „Biergarten“ auf der Vogelsburg. Unten kann man mit Selbstbedienung im Weinberg in der prallen Sonne sitzen.

Des Morgens danach sind wir wieder ausgenüchtert. Und was ist nun das Wichtigste? Natürlich, ein gestärkter Magen. Also besteigen wir das Gefährt und brausen auf der Chaussee B19 Richtung Volkach. Linkerhand käme nun das Weingut Hirn, das hatten wir aber ein andermal besucht. Kurz nach einem Aussichtspunkt kommt die Einfahrt zur Vogelsburg. Das ist ein altes Kloster, wunderschön im Weinberg hoch über der Mainschleife gelegen. Auf dem Parkplatz stehen Voitures sämtlicher Couleurs, ähm Moment, eher Oberklassen-grau. Aber dafür aus allen möglichen deutschen Städten.

Escherndorf im Tal, gegenüber die Weininsel.

Wir befinden uns auf dem Escherndorfer Lump, vor uns liegt die Weininsel. Rechterhand sehen wir Escherndorf, vor uns Nordheim und links die Ausläufer von Volkach und die Hallburg. Fan-tas-tisch. Der Außenbereich – Biergarten mag man es gar nicht nennen, da hier ja vornehmlich Wein geschenkt wird – grenzt direkt an die Spitze des Weinbergs. Wir müssen etwas suchen, bis wir einen freien Platz im Schatten und mit Aussicht finden, allerhand ist reserviert. Kein Wunder, das Wetter ist schön, wer möchte hier nicht herfahren? Ein Mann im rosa Hemd klopft auf den Tisch und grüßt, wir schauen ihn etwas ratlos an. Es stellt sich heraus, es ist unser Ober vom Vortag im Juliusspital. Er freut sich sehr, die Herrschaften „mit der Auslese“ wieder zu sehen. Na, da haben wir ja einen Eindruck hinterlassen! Seine Mutter feiert hier ihren 70. Hmmm, meinen könnte ich hier in ferner Zukunft auch feiern. Als wir ihm sagen, dass wir nach Iphofen weiter wollen, empfiehlt er uns die Vinothek in Iphofen, wo man sich für einige Euro durch eine große Palette Wein probieren dürfe. Außerdem sei zum Essen das 99er Kulinarium zu empfehlen. Dann muss er zu Muttern zurück.

Die Kirche auf der Vogelsburg. Bitte leise sein, drin wird geheiratet.

Bereits 3000 v. Chr. soll es an diesem Ort schon eine Siedlung und eine Kultstätte gegeben haben. Außerdem wurden Hügelgräber gefunden. Die Kelten errichteten hier eine Festung. Danach klotzten die Franken hier einen Königshof hin. Fugales Burc nannten sie den, daher der Name. 879 die erste urkundliche Erwähnung in einer Schenkung an die Abtei Fulda. Dann Weinbau durch die Benediktiner bei Escherndorf, eine Burg der Fürsten zu Castell und ab 1282 ein Karmelitenkloster. Das wurde im Bauern- und im 30-jährigen Krieg zerstört, in der Säkularisation aufgelöst. Von 1957 bis 2011 wohnten hier Augustinerschwestern. Heute wird die Anlage vom Juliusspital betrieben, neben der Wirtschaft gibt’s auch ein Tagungshotel.

So eine Suppe löffelt man gern allein aus.
Vor der Bestellung des Wildschweinbratens wurde ausgiebig über die Strahlenbelastung diskutiert.
Schönes Geschirr hat man hier.

Nach etwas Wartezeit legt uns die Bedienung die Karte auf den Tisch. Hollahe, da schau her, ja mi hod’s g’haut, sauber! Also was hier geboten wird! Das meiste kommt aus der Region. Hier gibt es etwa als Vorspeise Dreierlei vom Kalbskopf mit gebackenem Kalbskopf, sauer marinierter Zunge und gebackenem Hirn für 12,90 Euro. Sowas kriegt man sonst nirgends! Wie das wohl schmeckt? Ich bestell’s mir trotzdem nicht (diesmal). Dann (ab zwei Personen) Franki Pasti mit gebeizter Lachsforelle, Coppa, Wildsalami, Entenschinken, Lammschinken, Zwetschgenbames, eingelegtem Ziegenkäse, und und und für 9,90 Euro pro Person. Oder einen fränkischen Saustall mit Blut-, Leber- und Bratwurst, gepökelter Schweineschulter und gebackenem Schweinskopf für 14,50 Euro.

Die Mostsuppe kostet 5,20 Euro. Nicht unbedingt günstig, aber so wie sie angerichtet ist, auch nicht teuer. Sie ist sehr gut, etwas salzig, cremig, toll sind die rosa Beeren, die bringen Pep mit rein. Die Croutons (Thymiankracherle) sind gut, den Thymian schmeck ich allerdings nicht raus. An den Frühlingszwiebeln hätte man etwas sparen können. Rundum gelungen, wobei ich die Mostsuppe in Sommerach besser fand.

Obwohl derzeit keine Ordensleute auf der Vogelsburg leben, findet man doch noch Spuren, die an einen heiligen Ort erinnern.

Der geschmorte Wildschweinbraten für 16,90 Euro ist recht gut, die Knödel sind recht klein, aber fein. Die Juliusspitalburgunder-Soße passt, das Blaukraut ist OK. Sehr gut finde ich die Essigkirschen, die nehmen die Wuchtigkeit des Gerichts. Das macht schon ordentlich satt. Aber nur 1,50 Euro weniger zahlen für einen Knödel und eine Scheibe Fleisch weniger? Nä, komm geh weg!

Die Kollegen, die die geschmorte Schweinebacke in Knoblauch-Orangensoße mit gerösteten Schwarzbrot-Walnußknödeln (14,90) bzw. die gebratene Forelle (16,50) hatten loben es ebenfalls, nur die Petersilienkartoffeln waren schon arg salzig.

Anschließend gibt’s noch einen Espresso. Der schmeckt auch mir Nicht-Kaffee-Trinker.

Eigentlich würde ich mir nun gerne die Kirche anschauen, aber da drin findet leider gerade eine Hochzeit statt. Was heißt leider, die Leute haben Glück an so einem Ort heiraten zu dürfen. Was die Aussicht angeht. Vor einigen Jahren war ich mal drin, muss aber sagen, sie entspricht schon sehr dem eher kühlen Stil der 1950er Jahre.

Das berühmte Rödelseer Tor in Iphofen.
Wenn das Tor abends geschlossen wird, kommt man nur durch diese kleine Klappe in den Ort.

Zunächst fahren wir nach Escherndorf, wo wir bei Horst Sauer und im Weingut am Lump einkaufen. Darüber wurde ja bereits berichtet. Dann geht’s weiter nach Iphofen. Der Weg zeigt uns eine wunderbare Aussicht. Von weitem sieht man bereits die Knauf-Gipswerke. An der Stadtmauer stellen wir das Auto ab. Leider bleibt für eine Stadtbesichtigung kaum Zeit. Wir wollen das Weingut Wirsching und das Weingut Popp besuchen. Und beide schließen um 18:00 Uhr.

Also führt uns der Weg durch das wunderschöne Rödelseer Tor und am prächtigen Rathaus vorbei zuerst zum Wirsching. Der Eingang führt durch eine große Toreinfahrt in einen überdachten Innenhof. Sehr interessant sieht das aus, denn die Gebäude beim Wirsching sind recht alt, die Überdachung aber sehr modern. Innen findet sich die gleiche Mischung aus einem historischen Flur mit Stuckdecke, Bauernschrank und sogar in Holz gefasstem Weinkühlschrank. Auch die erste Probiertheke wirkt eher altertümlich. Daneben gibt es aber einen modern gestalteten, länglichen Raum, in dem sich schon einige Gäste am Wein laben.

In das bayerische Bündnis von Kirche und Wirtshaus zeckt sich hier das Rathaus rein, tztztz.

Es liegen Zettel aus, die die Geschichte des Papstweines erzählen. 1980 war Johannes Paul II. in Altötting. Für die dortige Messe brachten auch die Wirschings ihren Wein als Opfer mit. Allerlei Gaben aus den bayerischen Regionen standen vorn am Altar. Weil aber ein Ministrant den Kelch mit dem Messwein umschüttete, griff der Pfarrer vor Ort nach den mitgebrachten Weinen und öffnete eine 1967er Silvaner feine Auslese. Damit feierte dann Johannes Paul die Messe. Beim Abendessen darauf angesprochen hatte der Papst sehr wohl den sehr guten, aber ungewohnten Geschmack des Messweines bemerkt. Das Abendessen fand in einem Kapuzinerkloster statt. Dort ist es üblich, sich mit den Worten „Sit amore Dei vestra sancta caritas“ zuzuprosten (Eure heilige Liebe um der Liebe Gottes Willen). Darauf meinte der Papst: „Dass im Wein Wahrheit ist, das wusste ich. Aber dass in ihm auch Liebe ist, das ist mir neu.“ Eine schöne Geschichte, die zeigt, dass dieser Winzer auch im Glauben beheimatet ist.

Wir sind an der älteren Theke und möchten doch gleich mit den fruchtigen, halbtrockenen Weinen anfangen. Ich hatte den Wirsching in Beschreibungen immer als einen eher trocken ausbauenden Winzer in Erinnerung. Doch was er hier auffährt, ist Wow. Nicht zu pappig süß, sondern eher frisch-fruchtig, spannend.

Fachwerk und moderne Dachkonstruktion, sehr gelungen.

Zuerst will uns die Verkäuferin den Rotling (6,00) schmackhaft machen. Obwohl wir doch fast ausschließlich Weißwein trinken. Aber der kann echt was. Nicht übel ist auch der Bacchus (6,50) in der Literflasche. Besser finde ich aber den Gutswein Bacchus und den Amadeus (je 6,80), eine wirklich gelungene Cuvée aus Bacchus, Müller-Thurgau und Riesling. Woher der Name kommt? Mozart himself hat für die Iphofener Kirche Stücke komponiert. Da schau her, wo man hier so landet… Recht ordentlich sind auch die Kabinettsweine, wobei man die Gewürztraminer Spätlese (14,50) für sich allein stehen lassen sollte, der ist echt würzig.

Es folgt die Kür, die Auslesen. Zunächst eine WIQUEM (11,00) genannte Cuvée aus Silvaner, Riesling und Weißburgunder, dann eine Silvaner und schließlich eine Riesling Auslese (je 12,50). Die beiden letzteren sind ganz gut, aber mir hat es der WIQUEM angetan, der ist so richtig geil. Übrigens wird er für das Verpacken nochmal extra in Papier eingewickelt. Keine Ahnung warum, schaut aber schöner aus beim Auspacken.

Bei Wirschings steht man mit einem Bein in der Tradition…

Am Ende kommt eine Dame mit einer Flasche Tonic herein. Unbedingt müssten wir nach der Probe noch einen Gin Tonic probieren. Denn sie stellen nun selber einen Gin her. Ei, noch jemand, der auf den Gin-Zug aufspringt? Allerdings dürften sie das Getränk nicht Gin nennen, denn Gin würde mit reinem Alkohol angesetzt werden. Sie aber machten den aus Weinbrand, darum nannten sie ihn einfach in Wirgin um. Ich nippe am puren Getränk, etwas rass, Lavendelnoten, zitronig, hat was.

… und mit einem Bein in der Zukunft.

So, jetzt werde ich etwas unruhig, schließlich wollen wir ja noch zum Weingut Popp, und die Zeit ist nicht gerade auf unserer Seite. Beim Popp geht auch keiner ans Telefon, so dass ich uns nicht für später anmelden kann, ojeojeoje. Bis die Weine dann alle ausgesucht, bezahlt und aus dem Lager sind, tickt die Uhr weiter. Nicht zum Aushalten! Wir fahren endlich los und – beim Popp ist schon zu. Schade. Auf der Rückfahrt kommen wir noch an der wunderschönen, fast einzigartigen Stadtmauer von Mainbernheim vorbei. Also sowas tolles! Spätestens jetzt ist der Beschluss gefasst: Nächstes Jahr schauen wir uns Iphofen länger an, fahren zum Wirsching UND zum Popp, und dieses Mainbernheim ist dann auch auf unserer Liste! Überhaupt lässt sich sagen: Sowohl in der Vogelsburg wie in Iphofen wurde auf ausgezeichnete Weise Tradition und Moderne miteinander verbunden. Uraltes Fachwerk trifft gelungenes neues Design. Um es mit Martin Schulz zu sagen: À la bonne heure!

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