Wallfahren gegen Hangover

Dettelbach liegt im weinfränkischen Grenzgebiet, nahe Münsterschwarzach und den Winzerorten Volkach, Sommerach und Escherndorf.

Wein gibt’s hier auch, aber bekannt geworden ist Dettelbach wegen seiner Wallfahrt. Und den dazugehörigem Gebäck. Klingt langweilig? Wirkt aber Wunder, gerade bei Hangover!

Wenn man am Abend zuvor etwas Schlechtes gegessen hat, etwas Seltsames getrunken hat oder seinen Körper stundenlange Veitstänze hat aufführen lassen, kann es schon sein, dass das Bauchi grummelt und der Rücken schmerzt. So etwas wird beim Autofahren nicht besser. Auch nicht, wenn man beschließt, einen Ort zu besichtigen. Wir fahren von der Bundesstraße ab und gleich rechts in den ersten Parkplatz. So groß scheint Dettelbach ja nicht zu sein. Die paar Schritte. Allerdings sind wenige Schritte mit Zipperlein voller Mühsal und Last. Zunächst mal gucken wir uns die Pfarrkirche an, interessant mit einem Doppelturm, innen etwas düster. Die netten Häuschen außen rum tangieren einen in seinem Siechtum nur peripher, man will was essen. Und zwar was Besonderes. Denn in Dettelbach, und nur in Dettelbach gibt es bei einem Bäcker, und zwar nur bei einem Bäcker, die berühmten Muskazinen. Ein Wallfahrtsgebäck, welches die Menschen früher nach gelungener Pilgerschaft als unterfränkisches Exotikum mitgenommen haben. Und tatsächlich finden wir gleich die Bäckerei, die freundliche Verkäuferin dreht uns ganz geschäftstüchtig kurz vor Ladenschluss große Packungen an. Eins probieren wir gleich. Es fühlt sich an wie ein Krokantplätzchen, schmeckt locker, leicht klebrig, extrem nach Muskat (woher der Name kommt) und anderen Gewürzen.

Wir kriegen Gesellschaft

Vor die Tür getreten, reingemampft, und um das Bild komplett zu machen, kommt auch schon eine Wallfahrtsgruppe um die Ecke. Denen voranzuschreiten und so den Ort zu besichtigen macht man nicht. Also warten wir, bis sie vorbei sind, ich will einen anderen Weg gehen. Isch habe schließlich Rücken – und Bauch.

Doch meine Begleiterin (protestantisch!) meint: „Gehen wir halt mit.“ Vor den Ungläubigen keine Blöße geben, also schließen wir uns dem Zuge an. Fünf Meter gegangen, und die Rückenschmerzen sind verschwunden. Unglaublich. Jetzt stimmen die da vorne auch noch ein Lied an. Na sauber. Aber als guter Katholik und Kirchgänger kennt man ja seine Gesangsbuch Mega-Charts. Drei Takte losgeschmettert, und der nervöse Bauch ist beruhigt. Ein Wunder! Aber nicht verwunderlich, wenn man erfährt, wie die Wallfahrt gegründet wurde. Zunächst aber gehen wir hinter dem anführenden Mönch, der Gott für die Schönheit des Frankenlandes dankt, durch den Ort. Ziel: Die Wallfahrtskirche Maria im Weinberg. Der Mönch weist in einem weiteren Dankgebet auf die Schönheit des Portals hin. Innen drinnen findet der große Zug genügend Platz, eine wunderbare Kirche mit interessanter Architektur.

Während der dortigen Andacht wird der Ursprung der Wallfahrt erklärt. Ein Oberfranke aus Melkendorf wurde 1504 bei einer Wirtshausschlägerei „auf den Tode zerhauen und verwundet“ (in anderen Quellen ist es eine Schlägerei auf einem Fest). Er überlebte, war aber ans Bett gefesselt. Da träumte ihm von einem Marienbild in einem Weinberg. Auf wundersame Weise geheilt, pilgerte er zu dem Bildstock nach Dettelbach. Viele Leute folgten, ein Schutzdach und später eine Kirche wurden gebaut Oberfränkischen Biernasen müssen also in unterfränkische Weinberge wallfahren. Naheliegend, dass ein solcher Ursprung bei Hangover hilft.

Am Ende der Andacht dankt man dem Mönch. Der meint zum Sprecher, er würde vorher gerne noch das Sammelkörbchen rumgehen lassen. Weil das Mikrofon noch an ist, sorgt das für Erheiterung im Kirchenraum ob der Geschäftstüchtigkeit des Franziskaner-Bettelmönchs.

Nach getaner Wallfahrt schauen wir uns den mittelalterlich-barock gebliebenen Ort noch etwas an, mit seiner Stadtmauer und seinen Sandsteinhäusern. Dann machen wir uns auf die Heimreise. Dabei verputze ich noch einige würzige Muskazinen. Auf nüchternen Magen sorgen sie jedoch für Sodbrennen. Weshalb man lernt: Eine Wallfahrt erlöst von den Sünden des Vortags. Eine Absolution im Voraus gibt’s aber nicht.

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