Wein und Winzer mit Charakter

Die Landschaft der Mainschleife mutet fast toskanisch an

Die Landschaft der Mainschleife mutet fast toskanisch an

Zwischen Volkach, wo die Weine teurer sind, und Volkach-Escherndorf, wo der kleine Geldbeutel lacht, liegt Astheim. Dort wird uns der Winzer Bruno Sauer empfohlen.  An der Türe des Wohnhauses hängt ein Zettel mit einer Handynummer. Die solle man doch bitte bei Interesse am Wein anrufen. Klingelingeling, jawohl, komme gleich, sitze noch bei den Nachbarn auf der Terrasse. Ein paar Minuten später biegt ein älterer Mann um die Ecke, gekleidet mit Overall, Hütchen, Stiefel. Rein ins Haus, die Treppe rauf in einen sonnigen Raum im ersten Stock. An der Wand hängen etwas ältere Luftaufnahmen der Mainschleife.

Die Weine schmecken eher mineralisch. Unser Winzer reicht dazu Wasser und sehr gutes Bauernbrot. Sauer ist ein ruhiger, gemütlicher Mann, ein leicht verschmitztes Lächeln auf den Lippen, über die keine großen Worte kommen. Wir sprechen über die verschiedenen Weinsorten der Region. Auf einmal stellt Bruno Sauer eine Flasche auf den Tisch, die nicht auf der Karte steht. In blauer, altertümlicher Schrift steht auf dem Etikett „Gemischter Satz“. Ahja. Und was ist das?

Bruno Sauer gehört nicht zu den Großproduzenten. Daher hat er auch kleinere Parzellen, auf denen er verschiedene Rebsorten angepflanzt hat. Und aus diesen verschiedenen Traubenzutaten wird dann der geheimnisvolle Gemischte Satz gebraut, pardon, gekeltert. Der schmeckt ganz interessant, wir nehmen mal ein paar Flaschen mit.

Augenweide und Gaumenfreude: das Weingut Hirn

Augenweide und Gaumenfreude: das Weingut Hirn

Da langst dir ans Hirn

Auf dem Weg zurück nach Würzburg biegen wir rechts ab, Richtung Untereisenheim. Dort steht ein Winzer, der nicht nur durch seine Weine, sondern vor allem durch sein Haus auffällt. Wir stehen davor und reiben uns die Augen. Nanu, wie viele Weine haben wir denn vorher schon verkostet??? Kreuz und quer stehen die Wände, quietschbunt, verspielt, verschnörkelt. Nein, wir sind noch (fast) nüchtern. Denn das Weingut Hirn wurde nach Plänen von Friedensreich Hundertwasser erbaut. Doch der starb leider während der Planungsphase (am Wein lag es nicht, hoffe ich). Die Errichtung in Lizenz durch seinen designierten Nachfolger hätte jedoch viel Geld gekostet. Darum bauten es die Hirns selbst fertig, müssen dafür aber auf den offiziellen Hunderwasser-Titel verzichten. Beim Wein kann man besonders den Riesling empfehlen. Und wer’s süßer mag, der darf einen Rosenlikör mitnehmen. Ansonsten gibt’s auch einiges Souvenirmaterial für die Daheimgebliebenen.

Wenden wir uns Richtung Nordosten. Nach Sand am Main. Hier liegt das Weingut Rippstein. Genauer gesagt, A&E Rippstein. Beim anderen Rippstein in Sand am Main kann man den Bacchus in der Literflasche empfehlen. Doch mit A&E verbindet mich eine ganz besondere Geschichte. Denn ohne dieses Weingut würdet ihr auf diesen Seiten nichts über Wein lesen. Vielleicht gäbe es diesen Blog gar nicht. Zur folgenden Absätzen bitte dieses Stück anhören.

Wein Trek: Unbekannte Galaxien

Im Jahr des Herrn 2007 schritt eine jüngere Version meiner Wenigkeit über die Bamberger Sandkerwa. Im Innenhof der blauen Glocke, damals noch neben dem Weinhandel Heinrich & Heinrich fand das genauso gut wie heute aussehende Ich einen kleinen Weinstand vor. Wein in der Bierstadt Bamberg, ja mei, was denen so einfällt. Ach geh, öfter mal was Neues. Riesling soll ein guter Wein sein. Probieren wir doch mal. 4,60 der Schoppen. Serviert in einem schönen Glas. Och noja. Doch…Ja. OOOHHJAAAA! Auf einmal spürten die Geschmacksknospen Fruchtigkeit, Nuancen, Aromen, feine Düfte, was war denn das? Dieser Wein wischte all die Jahre mit 2,30 Euro Sommeracher Katzenköpfe, 1,20 Euro Liebfrauenmilche, Oberföhringer Vogelspinnen, all die Veltliner und Dornfelder beiseite. All das Zeugs, das man für irgendwelche Feiern auf der Tankstelle kaufte oder das die Eltern nicht trinken wollten. Nein, nein. Das. Ist. Ein. Wein. Eine neue Welt tat sich auf. Die wie die Zoiglstuben erforscht werden musste!

Am nächsten Tag besuchten mich einige wackere Oberpfälzer, die führte ich ebenfalls zum kleinen Weinbüdchen. Weiterprobiert. Joho, und soll ich Euch was sagen? Der Bacchus war noch besser! Wir kamen mit dem Verkäufer ins Gespräch. Er war aus Sand am Main und gehörte nicht zum Weinhandel Heinrich & Heinrich. Aber wir könnten ja jederzeit am Weingut vorbeikommen. Das seien ja nur 35 Kilometer. Je nun, 35 Kilometer nur für Wein fahren? Einfach? So weit dachten wir und unser Benzingeld noch nicht. Also bequatschten wir den guten Mann weiter. Weil es der letzte Tag der Sandkerwa war, verkaufte er uns einfach seine restlichen Kisten. 23,50 Euro zahlten wir damals für je 6 Flaschen 2006er Bacchus. Ein paar Minuten später bahnte sich eine Karawane junger Oberpfälzer ihren Weg durch die Touri-Massen der Kerwa, jeder trug stolz eine Kiste Wein vor sich her. Den Umweg über den weniger frequentierten Domberg nicht gescheut, nicht dass noch was zu Bruch geht. Und sicher daheim verwahrt. 2012 tranken wir die letzte Flasche.

Ein lauschiges Plätzchen, der Elgersheimer Hof und ein stiller Nebenarm des Mains

Ein lauschiges Plätzchen, der Elgersheimer Hof und ein stiller Nebenarm des Mains

Viele Jahre später besuchen wir A&E Rippstein in Sand am Main (einige Oberpfälzer waren bis dahin bereits zweimal dort gewesen). Gerade als wir vor dem Haus parken, kommt ein schlaksiger Mann mit einer Wandertruppe aus Ostdeutschland vorbei. Der Winzer. Die Truppe ist hier zu einer offiziellen Weinverkostung. „Setzt Euch einfach dazu, sonst wird’s zu aufwändig.“ In der schlicht, aber nobel ausgebauten Scheune sitzen wir nun alle an einem schier endlos langen Tisch. Wasser und Brot kommen auf den Tisch, und dann geht’s los. Angefangen mit einem Secco. Das ist keine besonders ausgefallene Sorte des Sekts. Den Sekt vergärt selbst, so dass sich Kohlensäure bildet. Dafür fällt aber Sektsteuer an. Secco ist meist günstiger, oft aber besser. Hier wird dem Wein einfach Kohlensäure von außen zugeführt. Perlt genauso, ist aber steuerlich besser gestellt. Das deutsche Steuersystem weiß halt einfach für alles eine Regel, und für noch mehr eine Ausnahme.

Danach folgt der Luna, so nennt man den Müller-Thurgau hier. Und diverse Silvaner, Bacchusse, Rieslings und Kerner. Matthias Rippstein war früher überall auf der Welt als Sommelier unterwegs. Und trank mit den Küchenchefs immer die besten Weine. Dann wechselte er die Seiten und übernahm das brachliegende elterliche Weingut. Besonders legt er uns den Pure Sand ans Herz. Einen Silvaner für 12 Euro, der aber noch etwas reifen muss. Zumeist können wir seinen Empfehlungen folgen. Nur die Behauptung, Weintrinker wären entspannter als Biertrinker, zieht den Oberpfälzern die Augenbrauen zusammen. Wir bleiben aber trotzdem ruhig. Diesmal.

Die letzten Gläser verkosten wir im Garten vor der Scheune und genießen den warmen fränkischen Sommerabend. Die Wandergruppe ist auch begeistert, fast angerührt, und nimmt einige Flaschen mit. Wir nicht so ökologischen Bayern sind mit dem Auto gekommen. Und können daher den Kofferraum vollschlichten. Mit Kernern und Lunas, auch ein paar Rieslinge und Bacchusse werden eingekauft. Und eine Flasche Pure Sand.

Winzertypen sind so verschieden wie ihre Weine. Ob gemütlich und traditionell wie Bruno Sauer, kurios wie die Hirns oder weltgewandt wie Matthias Rippstein. Auf kleinem Raume findet man im östlichen Unterfranken oder westlichen Oberfranken ein Universum an Charakteren und charaktervollen Weinen. Man muss sich nur a wengerl Zeit nehmen.

Lust auf mehr Wein? Hier testen wir Weingüter in Würzburg und Escherndorf!

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s