Wein in Würzburg

Gutes braucht nicht teuer sein. Besser, wenn das Gute besser als manch teures ist. Das gilt auf jeden Fall für den Frankenwein. Ich kenne keinen Ort auf dieser Welt, wo man einen Wein dieser Qualität zu solchen Preisen erstehen kann. Dennoch liegt der Frankenwein immer noch im Dornröschenschlaf der Unbekanntheit. So müssen sich die armen Münchner in den meisten Lokalen immer noch mit österreichischem Veltliner-Plempl begnügen. Es wird Zeit, dass den liebreizenden Frankenwein mal jemand wach küsst! Aber an welchen Wein soll man seine Lippen setzen? Wer ist eine liebliche Prinzessin, wer die günstige, gute, und wer die böse überteuerte, saure Fee? Der tolle Prinz bin natürlich ich (wer hätte das gedacht?). Und jeder, der in Franken Wein probiert.

Dem Beginner und Reisenden sei als Zusatzlektüre das Büchlein „Wein. Schöner. Land!“ ans Herz gelegt. Das gibt’s in den meisten Weingütern oder -verkaufsstellen gratis. Hier sind die bestprämierten fränkischen Weingüter versammelt, sowie Gasthöfe, Hotels, Weinfeste und sonstiges rund um Weinfranken.

Beginnen wir in Würzburg oder Volkach-Escherndorf? Fangen wir in Würzburg an. Da kommt man eher hin. Außerdem muss ich da weniger schreiben (und der geneigte Leser weniger lesen).

Unter diesem Haus, das anscheinend auch in einem Hollywoodfilm auftaucht, befindet sich der Hofkeller.

Würzburger Hofkeller? Die Führung in den Keller unter der Residenz unbedingt mitnehmen. Den Wein nicht. Da stimmt für mich das Preis-Leistungs-Verhältnis nicht, der Wein ist mir zu mineralisch, man bekommt zu einem günstigeren Preis bessere. Beim Residenz-Weinfest drückt man aber beide Augen zu (wegen des Weins), um sie gleich darauf weit zu öffnen: Eine schönere Kulisse für ein Weinfest gibt es wohl in diesem Teil des Universums nicht. Weil der Mensch aber hier was trinken muss, trinkt er meinetwegen den Rotling. Da macht man nix falsch.

Einen Schritt weiter sind wir schon im Bürgerspital. Hier sitzt es sich abends gemütlich im Keller, den Bacchus kann man sich schmecken lassen. Die tagsüber geöffnete Weinstube um die Ecke unter dem Glockenspiel ist recht urig, wenn auch Touristenbefall droht.

Das Juliusspital bietet ebenfalls eine Führung an. Hier sieht man den herrlichen Garten mit dem wunderschönen Barockbrunnen, der die vier fränkischen Flüsse symbolisiert. Eine alte Apotheke und der Weinkeller liegen auch auf dem Programm. Der Riesling kann schon mal was, meine Empfehlung ist jedoch die Scheurebe. Wegen ihres feinfruchtigen Aromas für Anfänger wie für Fortgeschrittene geeignet. Positiver Nebeneffekt: die Juliusspital Scheurebe bekommt man recht häufig in ausgewählten Konsumparadiesen zu kaufen, bayernweit für 6,90 Euro (z.B. im Kupsch in Würzburg oder in der Galeria Kaufhof am Münchner Marienplatz). In Berlin im Karstadt in der Tauentzienstr. für 7,90 Euro und in San Francisco im Ferry Plaza für 18 Dollar. Ein Wein also, den man ohne Bedenken auf eine Party mitnehmen kann. Damit hat man in 99 % der Fälle den besten Wein des Abends dabei (nur ein einziges Mal hat mir eine unglaublich gute Bingener St. Rochuskapelle Huxelrebe die Schau gestohlen, aber das ist Götterwein, außer Konkurrenz!). Obwohl die Scheurebe jedem Laien schmeckt und sicher keinen Sommelier braucht: Nicht jedem Suffnigel nach dem 12. Cuba Libre reinpressen. Die Gäste oder Gastgeber, die man hiermit beglückt, sollen ihn auch schmecken. Schließlich wird über den Weinverkauf  das Krankenhaus und das Seniorenstift mitfinanziert (beim Bürgerspital ist es das Seniorenheim). Gute Taten können halt auch gut schmecken.

Würzburg und der Wein

Dann gibt es ja noch das Weingut am Stein, Ludwig Knoll. Ganz ordentlich, aber finanziell eher hochpreisiger. Hier sind aber die Weinfeste zu empfehlen. Wunderbare Aussicht, guter Wein, nette Leute, immer sehr voll. Hier spielten jedes Jahr LaBrassBanda auf, noch bevor sie den Zirkus Krone dreimal hintereinander füllten. Wir gehen zu Fuß rauf, durch den langen Fußgängertunnel unter den Bahngeleisen durch, hinauf auf den Würzburger Stein. Die Sommersonne schickt noch wärmende Strahlen in den Abend. 10 Euronen Eintritt, für die Chiemsee-Reggae-Ska-Rap-Techno-Blasmusik nicht zu viel. Ein wunderschöner Ausblick auf die Stadt im Abendrot. Neben den Reben sitzen die Leute, viele hat man schon ewig nicht mehr gesehen. So hangelt man sich von Tisch zu Tisch langsam vor, Richtung Tanzfläche. Die ist gestopft voll. Gerade fragen LaBrassBanda nach dem Mädchen, das im vergangenen Jahr so toll mitgesungen hat. Schnell wird die Dame gefunden, kommt auf die Bühne und rockt das nächste Stück. Wir bestellen Riesling und einen fruchtigen Bacchus in der Flasche, gegessen hat man schon zu Hause. Ab und zu noch ein Wasser dazwischenschieben. Zu LaBrassBanda tanzen kostet Energie. Beim allerallerletzen Lied gehen die Jungs spielend von der Bühne, ihr Sound verhallt, sozusagen ein Live-Ausfaden. Wir bleiben zurück mit dem Gefühl, etwas Besonderes erlebt zu haben. Und mit Frankenwein und einer immer noch fantastischen Aussicht ins nun nächtliche Würzburg.

Als das Weinfest schließt, bekommen wir Hunger, natürlich ist schon alles zu. Eine mitleidige Bedienung gibt mir aber eine letzte Steaksemmel. Einer der Begleiter hat noch von ichweißnichtwo eine Flasche Rotling her. Der andere beginnt Piratenlieder zu singen. Singen ist vielleicht etwas fehl am Platze, es handelt sich eher um ein angedüdeltes Gejaule. Wie ein echter Jack Sparrow eben. Wobei der Schatz, den unser Johnny Depp Körperdouble gefunden hat, aus 20 Kilo Hüftgold besteht (wie es sich für einen gemütlichen Bayern gehört!). Und einer begnadeten, oder begnadigten Stimme, mit der er während des Aufstiegs losschmettert. Während des Aufstiegs? Genau, wir steigen nun des Nachts den Weinberg hinauf, unter uns liegt Würzburg im Dunklen, nur geschmückt mit Straßen- und Wohnungslichtgeglitzer. Dazu von links Rotling und von rechts Piratenlieder. Wir sind nun fast ganz oben auf der Rotkreuzleite, dann nach rechts in den Schalksbergweg, Richtung WG in Grombühl. In der WG sitzen wir noch in der Küche zusammen. Meine strikte Ablehnung eines gewissen Krautes wird hingenommen, meine Vorliebe für Schlager sorgt hingegen für Entsetzen. Soweit also die Entspannung, aha. Schließlich einigt man sich auf die Qualität Udo Jürgens. Meine Hinweise auf die Lungenschädlichkeit des Krauts verhallen ungehört, Begleiter 1 will jetzt seine Mitbewohnerin zu verführen. Jack Sparrow schnarcht im Sitzen Piratenlieder. Ich mache mich durchs dunkle Würzburg auf den Heimweg. Steuermann ho!

Noch mehr Winzer-Kritik gibts hier: schöne und gute oder sehr gute und preiswerte Weingüter.

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