Zoff um den Zoigl

Der Zoigl spaltet die Region. Früher waren die Oberpfälzer stolz auf ihre Privatbrauereien, auf das Friedenfelser Hell, die Weißbier-Resi oder das Riedl-Bier. Heute knirscht es, die Kommunbrauer befürchten eine Verwässerung des Zoigls durch die privaten Brauereien. David gegen Goliath. Urigkeit gegen Discounter. Tradition gegen Kommerz. Kommunbräu gegen Privatbrauerei. Der Untergang des Abendlandes. Oder zumindest der Abendgestaltung.

Bavaritas hat bei Norbert Neugirg, dem Sprecher der Kommunbrauer, und bei Michael Hösl, dem Chef der Mitterteicher Hösl-Brauerei nachgefragt.

Fakt ist: Privatbrauereien müssen sich gegen immer stärkeren Druck aus sinkendem Absatz und stärkeren Brauerei-Ketten behaupten.

Fakt ist: Wir wollen die kleinen Privatbrauereien erhalten und müssen sie unterstützen.

Fakt ist: Wir müssen darauf achten, dass die Besonderheit der Region nicht ausverkauft wird.

Fakt ist: Keiner will, dass irgendwann Heineken Zoigl ins Sortiment aufnimmt und so die Zoiglkultur durch Fast-Food-Bier verhunzt.

Zuvor noch ein paar Infos. Die Kommunbrauer haben vor dem Marken- und Patentgericht geklagt: Echter Zoigl dürfe nur aus dem Kommunbrauhaus kommen, was aus den Brauereien komme, sollte nicht Zoigl heißen.

Konsequenz oder Erbarmen?

Nun, natürlich ist nur der Zoigl aus dem Kommunbrauhaus der einzig originale, aber was heißt das dann in der Konsequenz?

Ist die Wolframstuben dann auch kein originaler Zoigl, weil die nicht im Kommunbrauhaus, sondern selber brauen?

Dann sind ja eigentlich alle Zoiglstuben, etwa in Altenstadt, Parkstein, Tirschenreuth, etc. alles keine Originale, weil sie ja nur Zoigl zugeliefert bekommen. Der Rothballer schenkt den bekannten Reuther Brauerei-Zoigl aus, auch der Boderfuchs lässt seinen Zoigl in Reuth brauen, allerdings nach eigenem Rezept.

Dürfen wir dann gar nicht mehr in solche „Zoiglstuben“ gehen? Darf dann in Tirschenreuth, Waldsassen und eigentlich überall außer den fünf Orten mit Kommunbrauhaus auch kein Zoigl ausgeschenkt werden? Wäre konsequent, aber gar nicht schön. So habt doch Erbarmen mit den kommunbrauhauslosen Orten!

Das Marken- und Patentgericht urteilte: Nein, Zoigl ist eine Biersorte wie Weizen oder Pils, das kann jeder brauen. Es ist ja keine „original Nürnberger Bratwurst“, weil die Ortsbezeichnung fehlt. Und wenn es original Oberpfälzer Zoigl wäre, dann könnte ja jede Brauerei in der Oberpfalz auch so einen herstellen.

Klingt eigentlich logisch. Jeder weiß, Zoigl ist nach einem bestimmten Brauverfahren hergestellt worden, eben genauso wie Pils oder Weizen. Aber: Das Wort Zoigl leitet sich nunmal vom Zeiger ab. Und den hängt keine Brauerei vorn an ihr Haus, nur der Kommunbrauer.

Pro Kommunbräu:

Fangen wir mal mit den Fragen an Norbert Neugirg an. Der Kommandant der Altneihauser Feierwehrkapelln ist begeisterter Zoiglstubergänger, vor allem der herbe, „kantige“ Neuhauser Zoigl hat es ihm angetan.

Bavaritas: Warum darf eine kleine Privatbrauerei, denen es nicht unbedingt rosig geht, keinen Zoigl herstellen?

Neugirg: „Alle Brauereien hier können gut Bier brauen, aber der Zoigl ist ein Bier, das zum Kommunbrauhaus gehört. Das in einer Gemeinschaft von brauenden Bürgern entsteht. Früher hat sich ja auch keine Brauerei um den Zoigl geschert.

Wir wollen den Zoigl am Kommunbrauhaus halten. Es gibt zahllose Beispiele von fränkischen Brauereien, die ihr naturtrübes Bier Kellerbier nennen. Der Name Zoigl kommt ja von anzeigen, also von dem Buschen oder dem Stern, der vor die Tür gehängt wird.“

Manche argumentieren mit dem Werbeeffekt. Für die Preissn einen Brauerei-Zoigl, für die Leute vor Ort den echte Kommunbrauzoigl. Sehen Sie das auch so?

„Das verwässert den Zoigl. Wir haben wenig Alleinstellungsmerkmale in der Region. Wenn es den Zoigl überall gibt, warum soll man da noch herfahren? Da sehe ich schon einen Missbrauch des Zoigls während der jetzigen Boomphase.“

Können Sie die Privatbrauereien verstehen?

„Der Privatbrauerei geht’s um den Umsatz. Wenn eine Marke gut läuft wird sie aufgegriffen. Das ist eine rein ökonomische Sicht. Unsere Kommunbrauer aber machen es im Nebenerwerb, sie machen es gerne, können aber nicht davon leben. Die Brauerei muss von ihren  Produkten leben. Vor 20-30 Jahren hat sich niemand von den Kommunbrauern um den Zoigl gekümmert.“

Wenn Tirschenreuth ein Kommunbrauhaus eröffnet, wäre das dann in Ihrem Sinne erlaubt?

„Das wäre kein Problem, wenn die Tirschenreuther nach der gleichen Herstellungsart verfahren. Nicht nur im Kommunbrauhaus brauen, sondern auch am Haus vergären und dort zum Ausschank bringen.“

Wie geht’s nun weiter? Wo werden Sie nun für die Marke Zoigl kämpfen?

„Unsere  Gegner sind übermächtige Verbände, die wesentlich mehr finanzielle Mittel haben. Im Moment haben wir noch keine Entscheidung gefällt, wie wir weiterkämpfen sollen. Wir warten noch auf die Information eines externen Beraters. Am 20. November haben wir dann eine Mitgliederversammlung, wo sich zeigt, wie es weitergeht. Wir haben zum Glück vor einigen Jahren eine Wortbildmarke von Designerin aus Regensburg kreieren lassen. Das ist ein Unterscheidungsmerkmal, das werden wir bewerben müssen, damit der Konsument sieht: Zoigl steht auf allen möglichen Flüssigkeiten, aber für die Emotion musst du auf dieses Label achten.“ Neugirg zitiert den Chef des Schafferhofs, Reinhard Fütterer: „Emotion kann man nicht in der Flasche kaufen.“ Die echte, richtige Zoigl-Emotion, die bekäme man eben nur in der Zoiglstuben, und nicht am heimischen Sofa.

Diesem Satz können ich und wohl alle Leser bedingungslos zustimmen.

Pro Privat-Brauerei:

Dieser Mann ist, hört man sich die Worte Norbert Neugirgs an, wohl sein Gegenspieler. Michael Hösl braut seit der Jahrtausendwende „Communbrau-Zoigl“ und beliefert damit Discounter wie die Norma. Für viele Zoigl-Fans ist das ein rotes Tuch. 1021 Mitglieder hat derzeit die Facebook-Gruppe „GEGEN Discounter ‚Zoigl’“.

Bavaritas: Seit wann brauen Sie Zoigl?

Hösl: „Schon mein Großvater hat nach dem Krieg für die Zoigl-Wirte Zoigl gebraut. Insofern stehen wir auch in der Zoigltradition. Außerdem brauen wir alle mit denselben Zutaten, und manche Zoiglwirte haben ebenfalls modernisierte Anlagen.“

Welche Bedeutung hat das Zoigl-Geschäft für die Privatbrauer?

„Unser Zoigl findet kurioserweise auch außerhalb Bayern guten Absatz. Wir könnten nicht darauf verzichten. Für einige Brauer-Kollegen leistet die Sorte Zoigl einen nicht unerheblichen Anteil am Gesamtumsatz, bei uns liegt der im zweistelligen Prozent-Bereich.“

Wie kamen sie darauf, Zoigl zu brauen?

„Der Markt ist gesättigt, wir müssen uns Nischen suchen. Wir stehen auch im Wettbewerb und die Kommunbrauer sind ein Wettbewerber für die Gastronomie. Die Kommunbrauer beliefern auch Zoiglstuben in anderen Orten, es gibt sogar einen Kommunbrauer mit über 1000 Hektolitern Produktion. Die traditionellen Gastwirte bleiben auf der Strecke. Früher war die Koexistenz kein Problem gewesen, weil die Leute mehr in die Gaststätten gegangen sind. Jetzt geht man kaum mehr ins Wirtshaus, sondern in die Zoiglstuben.“

Wenn ich zusammenfassen darf: Die Zoiglstuben sorgen für sinkenden Absatz der Gaststätten und des dortigen Bierkonsums der privaten Brauer. Die sehen das Geschäft mit dem Zoigl und versuchen mit Brauerei-Zoigl, ihren Absatz zu stabilisieren.

Fassen wir uns an der Zoigl-Nase

Tja, da muss auch ich zugeben, mea culpa: Seitdem Boderfuchs und Postgassl in Tirschenreuth offen hat, war ich nicht mehr in der Schels Lotte (wenns die überhaupt noch gibt). Tatsächlich waren wir früher vielmehr in regulären Gaststätten unterwegs, bevor Tirschenreuth den Post- und den Boderfuchs-Zoigl bekam. Und natürlich haben wir früher für Partys normales Brauereibier und keine Zoiglfässer gekauft. Aber warum ist das denn so? Weil der Zoigl halt gut schmeckt und ein Fass ein schöneres Erlebnis ist als ein Kasten. Aber den Kasten Friedenfelser, Riedl & Co. kaufen wir trotzdem noch dazu, sollte das Fass leer werden. Und wieso gehen wir nicht mehr so oft in die Gaststätten? Da muss man fragen, in welche. Wo es ausgezeichnetes Essen und/oder Urigkeit gibt, etwa im Prockl oder in der Altstadtkneipe, da findet man immer Gäste. Aber Wirtshäuser, die kein Alleinstellungsmerkmal herausarbeiten können oder wollen, die haben tatsächlich ein Problem durch die Zoiglstuben. (Wobei die Schels Lotte so richtig kultig und urig ist).

Den Norma-Zoigl habe ich tatsächlich noch nie gekauft. Aber wie war das anno dazumal in Bamberg? Als ein eingefleischter bierfränkischer Bamberger im Norma den Mitterteicher Zoigl kaufte, weil er ihn mal probieren wollte? Es hat ihm geschmeckt und ein halbes Jahr später saß er in Falkenberg in der Zoiglstube. Öfters aber kam er dann doch nicht. Ich kann in jedem Supermarkt der Welt Parma-Schinken kaufen. Warum also sollte ich noch nach Parma fahren?

Was können wir tun?

Wir sehen: Die Antwort ist nicht einfach schwarz-weiß à la böse Brauereien, arme Kommunbrauer. Die Zeiten werden immer härter werden, weil die Menschen einerseits weniger Bier trinken (die Jugend trinkt viel zu oft billigen Schnaps und Alko-Pops, fürchterlich), und andererseits Großbrauereien ordentlich Druck machen. Da greift doch der kleine Privatbrauer nach jedem Strohhalm, um sein Überleben zu sichern. Wenn aber schon die Brauerei Bischofshof, die regional kaum etwas mit Zoigl zu tun hat, diesen braut, dann sollte man schon vorsichtig werden.

Wo wird der Streit entschieden? Vor dem EU-Gerichtshof für Menschenrechte? Vor einem Schiedsgericht der UN (wo Russland und China wieder ein Veto einlegen)? Vor dem Jüngsten Gericht? Ja, ok, spätestens unser Herrgott wird sein Urteil sprechen. Aber bis wir das erfahren, kann es noch etwas dauern (wobei, seid also wachsam, denn ihr wisst weder den Tag noch die Stunde!). Bis die endgültige, himmlische Entscheidung fällt, können auch wir Sterblichen etwas tun. Ja genau, du Leser, genau du. Heb mal kurz deine Augen vom Bildschirm, und überlege dein Einkaufverhalten. Du kannst nämlich beide unterstützen. Kaufe bei den kleinen regionalen Brauereien vor Ort ein. Becks, Heineken, Warsteiner und der ganze Plempl seien in die Wildnis verbannt. Von den kleinen Brauereien gibt’s ja einiges an Pils, Hellem, Weizen, und und und. Eine enorme geschmackliche Vielfalt! Es muss nicht immer Kaviar, pardon, Zoigl sein. Der muss zwar schon auch sein, aber: Er ist was besonderes und gehört in die Zoiglstuben. Da gehst bitte Freitag bis Montag hin. Ach, und die regulären Gaststätten bitte auch nicht vergessen. Es gibt tolle und kultige Kneipen in der nördlichen Oberpfalz, sehr gute Wirtshäuser mit ausgezeichneter Küche und gutem Preis-Leistungs-Verhältnis. Wäre doch schade drum. Genauso schade wär’s um die privaten Brauer unserer Region, an denen viele Arbeitsplätze hängen und die uns mit all den guten Biersorten versorgen, die man außer Zoigl sonst noch trinken kann.

Der Zoigl ist (meistens) ein gutes Bier. Was den homo superior oberpfaelzicus aber zum Glühen bringt, ist die Tradition in der er gebraut, und der Ort, wo er getrunken wird.

Und wenn du fortfährst, in zivilisatorisch wie kulturell unterentwickelte Regionen der Erde (also überall, wo es keine Zoiglstuben gibt, ähm, also überall sonst auf der Welt), dann trag die frohe Kunde weit hinaus: Von dem Ort, an dem die Menschen zueinander finden, wo nur die Gemütlichkeit und der Frohsinn zählen, und nicht Herkunft, Verdienst oder das Alter, wo es gigantische, deliziöse Brotzeitteller für wenig Geld gibt, und – natürlich – von dem Zoigl, den die Menschen dort gemeinsam in ihrem Kommunbrauhaus brauen.

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